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Wie das schöne Mädchen von Portillon seinen Richter verulkte PDF Drucken E-Mail


Honoré de Balzac

Wie das schöne Mädchen von Portillon seinen Richter verulkte

balzac
  • BalzacBalzac

Die Schöne von Portillon wurde, wie jeder weiß, die Frau des Färbers Taschereau, und man nannte sie deshalb die Tascherette; sie betrieb, bevor sie Färberin wurde, in der Stadt Partillon, von der sie ihren Namen führte, das Handwerk einer Wäscherin. Für Leute, die Tours nicht kennen, soll hier gesagt werden, dass Partillon stromabwärts an der Loure liegt, in der Richtung gegen Saint-Cyr zu, unweit der Brücke, die zur Kathedrale von Tours Führt, die davon ebensoweit entfernt ist wie Marmoustiers, weil die Brücke ungefähr in der Mitte zwischen den Ortschaften Mormoustiers und Partillon den Fluss überschreitet. Seid ihr im Bilde? Ja? Gut.
Das Mädchen hatte seine Wäscherei nur ein paar Schritte von der Loire weg, so dass sie in kürzester Zeit dort sein und ihre Wäsche spülen konnte. Wollte sie ans andere Ufer hinüber nach Sankt Martin, Châteauneuf und anderen Orten, wo sie den größten Teil ihrer Kundschaft hatte, so konnte sie eine Fähre benutzen.
Ungefähr um den Johannistag herum, sieben Jahre, bevor der Brave Taschereau sie heiratete, wurde sie reif für die Liebe, und da sie ein lustiges Persönchen war, ließ sie sich gerne lieben, ohne einen von den Burschen, die sie mit Liebesanträgen verfolgten, auszuwählen. Zu ihren Verehrern zählte der Sohn Rabelais‘, der sieben Frachtkähne auf der Loire hatte, der ältere Sohn aus der Familie Johan, der Schneider Marschandeau und der Reliquienhändler Peccard; aber sie spielte mit allen ihre Possen, weil sie zuerst zum Altar geführt sein wollte, ehe sie sich mit einem Mann einließ, woraus hervorgeht, dass sie ein anständiges Mädchen war, das seine Tugend zu verteidigen verstand. Sie gehörte zu den Mädchen, die so lange unberührt bleiben, bis zufällig einmal der Rechte kommt, der sein Ziel erreicht; dann aber ist ihnen auch alles schnuppe, weil sie mit Recht denken, dass sie sich vor einem einzigen Fehltritt genau so in acht nehmen müssen wie vor tausenden; und mit solchen Charakteren muss man Nachsicht haben. Eines Tages sah sie ein junger Edelmann vom Hof zum Wasser gehen, als gerade Mittagsstunde war und die Sonne brannte, dass all ihre leuchtenden Schönheiten sichtbar wurden, und angesichts ihrer Erscheinung fragte er, wer sie wäre.
Ein alter Mann, der am Ufer arbeitete, erklärte ihm, sie wäre das schöne Mädchen von Partillon, eine bekannte Wäscherin, ein lustiges und anständiges Frauenzimmer. Der junge Edelmann, der an Brust und Ärmeln kostbare Spitzen trug, hatte auch zu Hause einen ganzen Vorrat an schöner Wäsche und wertvollen Tüchern und entschloss sich deshalb, die Schöne von Partillon mit seiner Kundschaft zu beehren, und trat ihr in den Weg.
Sie ihm sehr großartig für seinen Gruß, weil sie wusste, dass es Herr du Fou war, ein Kämmerer des Königs. Sie fühlte sich durch seine Ansprache so glücklich, dass sie seinen Namen stets im Munde trug. Sie prahlte auch in Sankt Martin damit, und als sie in ihre Wäscherei heimgekehrt war, hielt sie eine ganze Predigt über ihn; dann am anderen Morgen rühmte sie sich am Ufer beim Spülen ihrer Wäsche ihrer neuen Bekanntschaft, und sie sprach mehr von Herrn du Fou, als von Gott, und das war zu viel.
„So eine Prahlerei!“ sagte eine alte Waschfrau. „Aber lasst sie nur machen! Dieser du Fou wird es ihr schon besorgen.“
Als sie nun das erste Mal im Palast des Herrn du Fou Wäsche ablieferte, wünschte der Kammerherr sie zu sehen und machte ihr große Komplimente über ihre Arbeit, und er schloss mit den Worten, sie wäre nicht nur eine tüchtige Waschfrau, sondern auch eine bildhübsche Person, und das wollte er ihr beweisen.
Die Tat folgte dem Wort, denn die Dienerschaft hatte sie allein gelassen, und das schöne Mädchen sah bescheiden zur Seite, weil sie glaubte, er wollte einen Gulden aus seiner Tasche ziehen, wie es sich für ein anständiges Mädchen geziemt, das seinen Lohn empfangen will. Dann aber sagte sie: „Das genügt für das erste Mal!“ „Das nächste Mal mehr!“ versprach er ihr.
Einige Leute behaupteten, er habe viel Mühe gehabt, ihr Gewalt anzutun, und es wäre ihm gar nicht einmal gelungen, weil sie nämlich unter großem Geschrei auf die Straße hinauslief, wie eine Armee auf dem Rückzug, in Klagen und Beschwerden ausbrach und spornstreichs zum Richter eilte.
Der Richter war zufällig über Land, und die Schöne von Partillon wartete in seinem Zimmer auf seine Rückkehr, wo sie der Dienstmagd unter Tränen erzählte, sie wäre bestohlen worden, weil der gnädige Herr du Fou sie an Stelle ihres Lohnes mit Gemeinheiten bedient hätte; für das aber, was ihr Herr von du Fou geraubt hätte, pflegte ein Kanonikus des Kapitels ihr stets große Summen Geldes zu geben; wenn sie einen Mann liebte, hielte sie es für gerecht, dass nicht nur er, sondern auch sie ihre Freude daran hätte, aber der Kammerherr wäre so grob und unmanierlich mit ihr umgegangen, wie sie es noch nie erlebt hätte, und darum müsste er ihr die tausend Gulden bezahlen, die sie stets von dem Kanonikus erhielte.
Der Richter kam zurück, sah das schöne Mädchen und wollte mit ihr anbandeln. Sie hatte aber keine Lust dazu und sagte, sie wäre gekommen, um eine Klage einzureichen. Der Richter antwortete ihr, dass er für sie den nächsten besten aufhängen lassen wollte, da er bereit wäre, alles für sie zu tun.
Darauf entgegnete sie ihm, sie wünsche keineswegs, dass ihr Mann an den Galgen käme, sondern vielmehr, dass er ihr tausend Gulden bezahle, weil er sie vergewaltigt hätte.
„Oho!“ sagte der Richter. „Das kostet dann ja noch mehr.“
„Für tausend Taler lasse ich ihn laufen,“ sagte sie, „denn davon kann ich leben und brauche nicht mehr zu waschen!“
„Hat denn der, der sich diese Freiheit genommen hat, genügend Geld?“ fragte der Richter.
„Oh, sehr viel!“
„Dann muss er bezahlen! Wer ist es?“
„Der gnädige Herr du Fou!“
„Das ändert die Sache!“ sagte der Richter.
„Und die Gerechtigkeit?“ fragte sie.
„Ich sagte: die Sache, und nicht: die Gerechtigkeit!“ entgegnete der Richter. „Vor allem muss ich wissen, wie der Fall gelagert ist.“
Da erzählte ihm das Mädchen in aller Unschuld, wie sie die Wäsche des gnädigen Herrn in den Schrank gelegt hätte, und dabei hätte er mit ihrem Rock gespielt und sie hätte sich dann umgedreht und gesagt: „Hört auf, gnädiger Herr!“
„Das sagt alles!“sagte der Richter. „Auf dieses Wort hatte er geglaubt, dass du ihm gestattest, die Sache zu Ende zu führen:“
Das Mädchen sagte, dass sie sich verteidigt und geweint und geschrien hätte, wodurch das Verbrechen bewiesen wäre.
Da meinte der Richter: „Das ist so Jungfernart, um den Mann noch anzustacheln.“
Schließlich sagte das Mädchen von Portillon, er hätte sie trotz ihres Sträubens um den Gürtel gefasst und aufs Bett geworfen, sie aber hätte sich mit allen Kräften gewehrt und aus vollem Halse geschrien; als aber keine Hilfe kam, hätte sie zuletzt den Mut verloren.

Teil 2


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