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Wie das schöne Mädchen ... seinen Richter verulkte 2 PDF Drucken E-Mail


Honoré de Balzac

Wie das schöne Mädchen von Portillon seinen Richter verulkte

balzac
  • BalzacBalzac

„Gut, gut,“ sagte der Richter. „Hast du denn ein Vergnügen davon gehabt?“
„Nein, “ sagte sie, „mein Schaden ist nur mit tausend Gulden wieder gut zu machen.“
Da sagte der Richter: „Mein Liebling, ich kann deine Klage nicht annehmen, denn ich bin der Meinung, dass man kein Mädchen vergewaltigen kann, wenn es nicht damit einverstanden ist!“
„Oh, mein Herr;“ rief sie weinend, „fragt Eure Dienerin und hört, was sie Euch sagen wird!“
Die Dienerin versicherte, dass es angenehme und unangenehme Vergewaltigungen gäbe; wenn das Mädchen von Portillon weder Geld, noch Vergnügen davon gehabt hätte, so hätte sie berechtigten Anspruch auf eines von beiden. Dieser weise Entscheid brachte den Richter in große Verlegenheit.
„Jaqueline;“ sagte er, „bevor ich zu Abend speise, will ich diesen Fall noch entscheiden. Hole mir rasch meine Nadel mit der roten Schnur, mit der ich meine Aktenbündel hefte!“
Jaqueline brachte eine große Nadel, die mit einem ziemlich weiten Öhr versehen war, und einen großen roten Faden, wie ihn die Leute von der Justiz verwenden. Darauf warteten die beiden Frauen voll Neugier, was der Richter nach diesen geheimnisvollen Vorbereitungen tun würde.
„Mein Liebling, “ sagte der Richter, „ich werde jetzt die Nadelhalten, deren Öhr groß genug ist, um den Faden mühelos einfädeln zu können. Wenn dir das gelingt, werde ich mich deiner Sache annehmen und den gnädigen Herrn zu einer Abfindung im Vergleichswege verurteilen.“
„Was ist das;“ fragte sie. „Ich kann das nicht verstehen!“
„Das ist ein Begriff der Justiz, der einen Vergleich besiegeln soll.“
„Ein Vergleich ist also die letzte Weisheit der Justiz?“ fragte das schöne Mädchen von Portillon.
„Mein Liebling, die Vergewaltigung hat dir den Verstand geöffnet. Ist’s nicht so?“
„Ja;“ sagte sie.
Der boshafte Richter trieb sein Spiel mit der Vergewaltigten, indem er ihr das Nadelöhr hinhielt; als sie aber einfädeln wollte, tat er einen kleinen Ruck zur Seite, und der erste Versuch misslang. Da begriff sie die Beweisführung, die der Richter im Auge hatte, drehte den Faden zusammen und versuchte es noch einmal. Aber der gute Mannrückte mit der Nadel hin und her, bald nach rechts, bald nach links, wie eine Jungfrau, die es nicht wagt. Natürlich ging der verdammte Faden nicht das Öhr. Sowie sie in die Nähe kam, wich er aus. Die Hochzeit des Fadens kam nicht zustande, das Öhr blieb Jungfrau, die Dienerin fing an zu lachen und sagte zu dem schönen Mädchen von Portillon, dass sie es besser verstünde, vergewaltigt zu werden, als zu vergewaltigen. Da lachte auch der Richter und das schöne Mädchen weinte um seine Gulden.
„Ihr bleibt ja aber auch nicht am Platz,“ sagte sie, die Geduld verlierend, „wenn Ihr immer hin und her rückt, kann ich den Faden niemals einfädeln.“
„Siehst du, meine Tochter, hättest du es ebenso gemacht, dann wäre der gnädige Herr nicht zu seinem Ziel gekommen! Beobachte einmal, wie leicht die Jungfräulichkeit zu verteidigen ist!“ Die Schöne sah nachdenklich vor sich hin, da sie gar nicht gesonnen war, ihre Sache verloren zu geben, nachdem sie sich es einmal in den Kopf gesetzt hatte, dass ihr Gewalt geschehen war, und sie überlegte nun, wie sie den Richter zu ihrer Ansicht bekehren könnte, handelte es sich hierbei doch nicht um sie allein, sondern um die Ehre all der Mädchen, denen das Unglück widerfuhr, vergewaltigt zu werden.
„Mein Herr, damit diese Sache gerecht entschieden werde, ist es nötig, dass ich genau so mache, wie der gnädige Herr. Wenn ich nur hätte nicht still halten müssen, so hätte er nichts erreicht; aber er hat andere Mittel angewendet!“
„Wir wollen sehen!“ antwortete der Richter.
Da nahm das schöne Mädchen von Portillon den Faden und bestrich ihn an der Kerze mit Wachs, bis er ganz steif und fest geworden war. Dann stieß sie damit nach dem Nadelöhr, das der Richter ihr wieder entgegen hielt, wobei er wieder bald rechts, bald links auswich. Da rief ihm das schöne Mädchen tausend Koseworte zu, wie: „Ach, das hübsche Öhr! Welch niedliches Loch für den Faden! So ein Kleinod habe ich noch nie gesehen, so lasst mich doch einfädeln! Wollt ihr denn gar kein Mitleid mit meinem armen Faden haben? Mit einem so hübschen Faden? Haltet doch still, mein süßer Richter, Ihr Richter meiner Liebe. Ist denn so ein Öhr eine Eisentür, dass er nicht hineinkann. Du machst ihn mir noch ganz kaputt!“ Und dabei lachte sie, denn sie verstand sich darauf besser als der Richter, und er lachte auch, dass ihn dabei die dicken Tränen aus den Augen kollerten. Immer zielte sie mit dem Faden nach dem Nadelöhr, und immer wieder zuckte er zur Seite. Dazu schnitt sie die possierlichsten Grimassen, verdrehte die Augen, spitzte den Mund, brachte Geräusche hervor wie eine Maus über einem köstlichen Leckerbissen. Der brave Richter hielt wacker stand, als aber die Uhr endlich sieben schlug, konnte er nicht mehr, da sein Braten auf dem Feuer stand. Seine Hand war so müde geworden, dass er seinen Arm einen Augenblick auf dem Tisch ausruhen lassen musste, da fädelte die Schöne von Portillon die Schnur geschickt ein und sagte: „Seht Ihr, so ist es gegangen!“
„Weil mein Braten am Anbrennen war!“ verteidigte sich der Richter.
„Meiner auch!“ sagte sie.
Als der Richter sich so hereingelegt sah, versprach er ihr, mit Herr du Fou zu sprechen und im Notfall den Prozess für sie zu führen. Da aber der junge Herr ihr gegen ihren Willen Gewalt angetan hätte, würde sich die Sache wohl im Guten erledigen lassen.
Tags darauf brachte der Richter am Hofe die Klage des Mädchens vor, indem er den Vorgang genau so wiedergab, wie sie ihn erzählt hatte. Diese Sache machte dem König großen Spaß, und als Herr du Fou eingestanden hatte, das etwas Wahres daran wäre, fragte er ihn, ob er Widerstand gefunden hätte, und als dies Herr du Fou naiverweise verneinte, antwortete der König, dieses Abenteuer wäre gut und gern hundert Gulden wert.
Der Kammerherr unterwarf sich diesem Urteil, um nicht als schäbiger Mensch dazustehen, und zahlte diese Summe an den Richter, wobei er nur bemerkte, wenn das Waschen immer so viel einbrächte, müsste das schöne Mädchen von Portillon bald eine gute Rente haben.
Der Richter kehrte nach Portillon zurück und erzählte dem schönen Mädchen, dass er hundert Gulden für sie erhalten hätte, wenn sie aber auch das noch wünschte, was an tausend Gulden fehlte, so befänden sich zur Zeit mehrere Herren im Zimmer des Königs, welche von der Geschichte gehört hätten und gern bereit wären, für den Rest aufzukommen.
Das schöne Mädchen antwortete, es wäre gar nicht abgeneigt und wollte gern das kleine Opfer bringen, wenn sie nachher nicht mehr zu arbeiten brauchte. Dem Richter dankte sie herzlich für seine Mühe und verdiente sich nun in einem Monat seine tausend Taler.
Daher rühren die Verleumdungen und üblen Nachreden, die über sie in Umlauf kamen, denn der Neid hat aus diesen zehn Edelleuten hundert gemacht, während das schöne Mädchen von Portillon im Gegensatz zu anderen leichtsinnigen Frauen ein ganz anständiges Leben führte, als sie erst ihre tausend Gulden zusammen hatte. Sie hätte selbst einen Herzog abfahren lassen, wenn er nicht fünfhundert Gulden bezahlen wollte, und das beweist doch zur Genüge, dass sie keineswegs wohlfeil war.
Es ist wahr, dass auch der König sie zu sich kommen ließ und zwar in sein Häuschen an der Quicangrogne Straße; er fand großes Gefallen an ihr und gab sogar seinen Polizeidienern den Befehl, sie in keiner Weise zu belästigen.
Aber Nicole Beaupertuis, die Geliebte des Königs, fürchtete, durch ihre Schönheit ausgestochen zu werden, schenkte ihr hundert Gulden und schickte sie nach Orleans, wo sie nachsehen sollte, ob das Wasser der Loire dort dieselbe Farbe hätte wie in Portillon. Diesem Auftrag kam das schöne Mädchen sehr gerne nach, weil sie sich aus dem König gar nichts machte.
Als dann der König im Sterben lag und sein Beichtvater gerufen wurde, der ihm die letzte Ölung gab und bald darauf heilig gesprochen wurde, ging das schöne Mädchen zu ihm beichten, entledigte sich ihrer Sünden, tat Buße und stiftete ein Bett für das Aussätzigenspital von Sankt Lazarus in Tours.
Das muss ausdrücklich festgestellt werden, um die Ehre dieses Mädchens reinzuwaschen, das für andere so viel Schmutz gewaschen hat und seither ihrer Reize und ihres Verstandes wegen zu großem Ansehen gelangte. Nichts spricht deutlicher für ihre Vorzüge und Verdienste, als die Tatsache, dass der biedere Taschereau sie zur Frau nahm, dem sie dann auf so drollige Art Hörner aufsetzte, wie in der bereits erzählten Geschichte von dem Buckligen zu lesen ist.
Dies zeigt deutlich und zur Genüge, dass man mit Verstand und Geduld auch die Justiz vergewaltigen kann.

Teil 1


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