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Suche nach Schlagwort : Julius Sturm, Märchen, Klein, Fee, Märchen über Feen


Treue Liebe Drucken E-Mail
Maerchen und Sagen - Märchen
Geschrieben von Sturm   
 Ein kurzes Märchen über die Treue und Liebe von
Sturm - Julius
- alias Julius Stern.


Julius Sturm ²



Treue Liebe

   
Sturm

Gotthelf und Lenchen waren Nachbarskinder. Sie hatten in ihrer Kindheit miteinander gespielt, waren miteinander in die Schule gegangen und aus der Schule gekommen und hatten einander so lieb, wie sich zwei reine Herzen nur immer lieb haben können. Die Eltern beider, die immer gute Nachbarschaft hielten, hatten eine große Freude darüber, dass die Kinder so aneinander hingen, und so sahen sie schon im Geiste das Pärchen zur Kirche wandern, um sich einsegnen zu lassen. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt.

Eine böse Krankheit raubte dem armen Lenchen schnell nacheinander beide Eltern, und weil das Mädchen im Ort selbst keine Verwandten hatte, so nahm es eine alte Base zu sich, die in einem abgelegenen Tal ein kleines Häuschen bewohnte und in dem Ruf einer bösen Frau stand. Gotthelf, der von der Alten gehört hatte, dass sie nichts weniger als gastfrei sei, wagte es am Anfang nicht, sein Lenchen zu besuchen. Endlich fasste er doch Mut und wanderte nach dem kleinen Häuschen. Wider aller Erwarten wurde er von der alten Base recht freundlich empfangen, und als er nach einigen vergnügt verlebten Stunden Abschied nahm, auf das Dringendste eingeladen, recht bald wieder zu kommen. Das ließ sich Gotthelf nicht umsonst gesagt sein. Keine Woche verging, ohne dass er nach dem kleinen Häuschen wanderte. Die Freundlichkeit und Zuvorkommenheit der Alten hatte aber einen ganz besonderen Grund. Gotthelf war ein hübscher Bursche und hatte als einziges Kind von seinen Eltern ein bedeutendes Vermögen zu erwarten. Lenchens Base aber hatte eine bildhübsche Tochter und hegte die stille Hoffnung, Gotthelf solle über dieser seine Jugendgespielin vergessen. Deshalb nahm sie ihn wohl gar freundlich auf, wusste es aber gewöhnlich so einzurichten, dass, wenn er auf Besuch kam, Lenchen entweder gar nicht da war oder wenigstens schlechte schmutzige Kleider anhatte, während ihre Tochter wie eine Prinzessin herausgeputzt war und ihm auf alle mögliche Weise schmeicheln musste. Als dieses nicht genug helfen wollte, fingen Mutter und Tochter an, Lenchen zu verkleinern und zu verleumden. Als sie aber auch dies nicht zum Zwecke führen wollte und die Alte vielmehr bemerkte ,dass Gotthelf Lenchen immer lieber gewann, da hätte sie platzen mögen vor Neid und Ärger. Als sie endlich sogar hörte, wie Gotthelf heimlich gegen seine Jugendgespielin über sie und ihre Tochter spottete und sagte, die Alte sei eine Hexe, die Junge eine Närrin, da wurde sie bitter böse und verbot ihm das Haus. Doch Liebe weiß immer Rat.

Die Alte hatte hinter dem Haus einen Garten, der am Fuße eines Berges lag. In diesem musste Lenchen oft arbeiten, und Gotthelf, dem das bekannt war, fand sich täglich um die Dämmerstunde auf dem Berge ein. Wenn nun die Alte mit ihrer Tochter nicht zu Hause war, so trat Lenchen auf einen Hügel im Garten und gab mit ihrem Tüchlein ein Zeichen, und so wie Gotthelf das Tüchlein flattern sah, eilte er den Berg hinab an den Zaun des
Gartens, wo dann beide miteinander von der Zukunft plauderten und Luftschlösser bauten. Doch sollte die Freude nicht lange dauern. Die Alte war einmal plötzlich heim gekommen und hatte zufällig von der Dachstube aus gesehen, wie Lenchen mit einem weißen Tuch winkte, wie auf dieses Zeichen Gotthelf den Berg hinabeilte und wie dann beide miteinander freundlich plauderten. Sie ließ sich gegen Lenchen nicht das Geringste merken, sann aber in ihrem argen Herzen heimlich auf Böses, wozu sie von ihrer eifersüchtigen Tochter noch mehr gereizt wurde. Bösen Herzen fehlt es nicht an Macht, Böses zu tun.

Lenchens Base besaß diese Macht in reichlichstem Maße, denn sie stand nicht ohne Grund im Rufe einer schlimmen Hexe, sondern war in der Tat wohl erfahren in dieser Kunst, die man gewöhnlich "die schwarze" nennt. In einer dunklen Nacht, als Lenchen längst schlief, machte sich die Alte auf und wackelte den Berg hinauf. Auf der Spitze angekommen, zog sie mit einem schwarzen Stab viele Kreise und murmelte wunderliche Sprüche zwischen den Zähnen. Dann lachte sie schadenfroh und eilte in den Garten, wo sie auf dem Hügel ihre unheimlichen Gebräuche wiederholte. Nachdem sie fertig war, schlich sie unbemerkt in das Haus.

Am andern Tage schickte sie Lenchen in den Garten und stellte sich, als ginge sie mit ihrer Tochter über Land. Sie verließ aber das Haus nicht, sondern schloss sich mit ihrer Tochter in dem Dachkämmerchen ein, von welchem aus sie Garten und Berg sehen konnte. Als es anfing zu dämmern, erschien auf dem Berg Gotthelfs Gestalt. Lenchen trat auf den Hügel und winkte mit ihrem weißen Tüchlein. Gotthelf eilte jedoch diesmal den Berg nicht herab, sondern stand wie gefesselt und breitete die Arme seiner Freundin sehnend entgegen. Sie wollte ihm zurufen, aber ihre Stimme war verschwunden, sie wollte ihm entgegeneilen, aber ach! auch sie konnte nicht von der Stelle.

So standen beide einander gegenüber und sahen sich traurig und sehnsüchtig an und wussten nicht, wie ihnen geschehen war; als plötzlich die Gartentür knarrte und die Alte mit ihrer Tochter eintrat. „Ei, ei! ...“ sagte sie höhnisch: „... was muss ich sehen! Was fällt dir denn ein, Lene, dass du da oben auf dem Hügel stehst und immer nach dem Berg schaust! Was gibt es denn da oben zu sehen? Nun, erhalte ich keine Antwort? Meine Augen sind schwach, sieh doch du einmal hinauf, mein Töchterchen, und sage mir, was
es auf dem Berge Merkwürdiges zu sehen gibt.“ Da lachte das böse Mädchen und sagte: „Nichts weiter, als dass Gotthelf droben steht und seine Arme so steif von sich streckt, als wäre er ein Wegweiser geworden.“ Nun höhnten und spotteten beide, bis endlich die Alte giftig sagte: „Nun, wird’s bald, Lene? Wirst du bald an die Arbeit gehen? Es gibt noch viel zu tun!“

Als das arme Mädchen sich weder regte noch antwortete, rief die Alte: „Ich will doch sehen, ob du mir Trotz bieten willst!“ Sie nahm einen Stecken und schlug wütend auf die Arme los und hatte kein Erbarmen, als sie sah, dass dem unglücklichen Lenchen das rote Blut den Rücken hinab lief. Ihre Tochter aber stand dabei und lachte. Als Gotthelf seine Freundin so misshandelt sah, hätte er vor Zorn bersten mögen; wütend ballte er seine Fäuste und machte die größten Anstrengungen, um sich von seinem Platz los zu winden, doch alles war vergebens. Endlich konnte die Alte ihren Arm nicht mehr regen. Sie ließ deswegen ab, auf Lenchen loszuschlagen, und sagte: „Ich sehe wohl, euch muss es jemand angetan haben, denn der Galgenstrick steht auch noch immer auf dem nämlichen Fleck und regt sich nicht. Übrigens werdet ihr euch nicht sehr darüber kränken, ihr könnt euch nun ja so lange ansehen wie ihr nur wollt.“ Als sie das gesagt und recht giftig gelacht
hatte, spritzte sie aus einem Fläschchen einen Tropfen brauner Flüssigkeit auf Lenchen, keuchte dann den Berg hinauf und bespritzte auch Gotthelf. Dadurch wurden beide für alle übrigen Menschen unsichtbar. So standen sich Gotthelf und Lenchen einander gegenüber, sahen sich traurig an und konnten weder zueinander kommen noch miteinander sprechen. So lange es Tag war, war ihr Geschick noch erträglich, denn sie sahen wenigstens einander. Als aber die Nacht kam, wären beide fast in ihrem Elend vergangen.

Am frühen Morgen kamen Gotthelfs Eltern, um bei Lenchens Base nachzufragen, ob ihr Sohn gestern nicht dagewesen sei. Sie erhielten von der Alten zur Antwort, sie wisse es nicht gewiss, vermute es aber, denn seit gestern Abend sei Lenchen aus dem Hause entwichen und bis jetzt noch nicht wiedergekommen. Auf diese Nachricht wanderten die Eltern wieder traurig nach Hause und ließen überall nach ihrem Sohn suchen, haben ihn
aber nie wieder gesehen. Die Alte dagegen und ihre Tochter gingen Tag für Tag in den Garten, peinigten und quälten Lenchen, verhöhnten und verspotteten Gotthelf und hatten eine teuflische Freude, als sie sahen, dass die beiden Unglücklichen mit jedem Tage bleicher und elender wurden; denn sie wollten sie vor Hunger und Kummer sterben sehen. Diese Freude sollte jedoch ihren bösen Herzen nicht erfüllt werden.

Eines Morgens, als sie wieder in den Garten gingen, war von Lenchen und Gotthelf nichts mehr zu sehen. Da ward die Alte grimmig und sann und sann, konnte sich aber nicht denken wie es zugegangen, dass ihre Opfer ihr entrissen worden war. Es war aber so gekommen:

Am vorhergehenden Tag hatte die schöne FEe Iris ihren siebenfarbigen Bogen zufällig über diese Gegend gespannt und saß oben auf dem Bogen und beschaute sich die Erde. Wie sie so herabschaute, erblickte sie auch jene beiden Unglücklichen und sah das Elend und den Jammer derselben und das Mitleid regte sich in ihrem Herzen. Rasch fuhr sie auf ihrem Bogen hernieder, erkannte aber bald, dass sie den Zauber, der die beiden Liebenden gefangen hielt, nicht zu lösen vermochte, weil er ein Werk der finsteren Nacht war. Konnte sie aber auch den Zauber nicht vernichten, so konnte sie doch wenigstens das Schicksal der Unglücklichen lindern. Und das tat sie freudig. Sie hauchte über beide hin, und alsbald verwandelte sich Gotthelf in eine Buche, Lenchen aber wurde ein bescheidenes blaues Veilchen. Dadurch wurde ihnen nicht nur der qualvolle Hungertod erspart, sondern sie erhielten auch für ihre sehnsüchtige Liebe eine Sprache. Die Buche konnte ihre Gedanken dem Veilchen zurauschen, und das Veilchen sandte ihm dagegen die herzlichsten Grüße in süßen Düften zu. So standen sie eine lange Zeit und verlebten selige Tage und wurden nie wieder gequält von der alten, bösen Base. Eines Tages aber, als schon der Mond am Himmel stand, klang aus dem Tal herauf ein Ton, der der Buche ins innerste Mark drang, denn der Ton klang wie der letzte Gruß einer sterbenden Braut. Ängstlich schaute er hinab ins Tal, aber konnte nichts erkennen, denn ein weißer Nebel
lag über das Gärtchen gebreitet wie ein Leichentuch.

Als aber der Tag kam und die Sonne den Nebel verscheuchte, da sah die Buche ,wie sein Veilchen nicht mehr mit dem liebevollen blauen Auge zu ihm aufschaute, sondern verwelkt am Boden lag. Bei dem Anblick zitterte durch ihn ein unsäglicher Schmerz und er schüttelte seine Krone so lange, bis kein Blättlein mehr an den Zweigen war. Die Blätter führte ein freundlicher Morgenwind in das Gärtchen und deckte sie leise auf das entschlafene Veilchen. Den ganzen Herbst über stand die Buche in düsteren Schmerz
versunken, und oft stöhnte und ächzte es kläglich in ihren Zweigen. Und als der Frühling kam, da zeigte es sich deutlich, dass die Buche die ganze Zeit über geweint hatte, denn ihre Augen waren blutrot geworden, und als die übrigen Bäume mit frischem, grünem Laub prangten, stand sie mit dunkelroten, düsteren Blättern bekleidet.

So stand sie noch eine lange Zeit trauernd und schaute hinunter nach des Veilchens Grabe und härmte und kümmerte sich so sehr, dass nach und nach ihre Wurzeln abstarben, ihre Blätter abfielen und ihre Zweige verdorrten. Endlich zog eines Tages ein Gewitter am Himmel herauf, und aus einer schwarzen Wolke fuhr ein Blitz in den dürren Baum. Die Flamme schlug hoch empor, und bald war von dem Baum nichts übrig als ein
Häuflein Asche. Diese trieb der Wind hinab in den Garten auf den Hügel, wo das Veilchen im vergangenen Jahr verwelkt war. Und siehe! als der Winter wiederum vorüber war und der Frühling jubelnd in das Land einzog und mit seiner freundlichen Stimme die Blumen aus dem Schoß der Erde hervorrief, da erhob sich aus der Asche auf dem Hügel ein Rosenstrauch, den eine zarte Winde mit ihren grünen Ranken innig umschlungen hielt.

Jener Tag, der die Asche der beiden Liebenden verbunden hatte, hatte auch dem Leben der bösen Alten ein Ende gemacht. Eine sehr schmerzhafte Krankheit hatte sie längere Zeit ans Bett gefesselt und so geschwächt, dass sie, als der Blitz in die Buche einschlug, vor Schrecken starb. Die Tochter der Alten, die nichts gelernt hatte und nicht arbeiten wollte, verkaufte nach und nach alles ,was sie besaß ,und als sie nichts mehr zu verkaufen hatte, fing sie an zu betteln und zu stehlen und endete ihr Leben im Arbeitshaus.

 
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