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Reingefallen PDF Drucken E-Mail


Miguel de Cervantes Saavedra

Reingefallen

Cervantes

... Sowie dieser Prozess geschlichtet war, trat ein Weib in den Gerichtssaal, das einen Mann stark umfasst hielt, der wie ein wohlhabender Hirte gekleidet war; und schrie mit lauter Stimme: „Gerechtigkeit, Herr Statthalter, Gerechtigkeit, und wenn ich sie nicht auf Erden finde, so will ich sie im Himmel suchen! Allerliebster Herr Statthalter, dieser ruchlose Kerl hat mich hier auf freiem Felde angepackt und meinen Leib untergekriegt, nicht anders, als wenn ich nur ein Wischtuch wäre, und o weh mir armen Kinde! - hat mir nun das entrissen, was ich länger als dreiundzwanzig Jahre bewahrt habe, gegen Mohren und Christen, gegen Einheimische und Fremde verteidigt, immer so hart wie eine Eiche, um mich so unbeschädigt zu erhalten, wie der Salamander im Feuer oder wie die Wolle unter den Dornen, dass nun dieser Kerl mit seinen sauberen Händen daherkommen muss, um mich anzugreifen.“

„Das muss noch ausgemacht werden, ob der Liebhaber saubere oder unsaubere Hände hat“, sagte Sancho und wandte sich gegen den Menschen und fragte: „Was sagt und antwortet Ihr auf die Klage dieses Weibes?“

Dieser antwortete ganz verwirrt: „Meine Herren, ich bin ein armer Hirt von einer Herde Borstenvieh, und diesen Morgen ging ich aus, um (mit Respekt zu sagen) vier Schweine zu verkaufen, für die in der Akzise und an anderen Steuern fast draufging, was sie wert waren. Als ich nach meinem Dorf zurückkehrte, fand ich unterwegs diese wackere Frau, und der Teufel, der alles ineinanderrührt und in Aufregung bringt, machte, dass wir uns mitsammen ergötzten; ich bezahlte das Nötige, sie aber, unzufrieden, packte mich an und hat mich nicht losgelassen, bis sie mich hierher geschleppt; sie sagt, dass ich sie gezwungen habe, lügt es aber, so gewiss ich schwöre oder schwören will, und dies ist die ganze Wahrheit, an der auch nicht ein Tüpfelchen fehlt.“

Hierauf fragte ihn der Statthalter, ob er etwas Silbergeld bei sich habe; er sagte, dass er ungefähr zwanzig Dukaten im Busen in einem ledernen Beutel trage. Er befahl, ihn herauszunehmen und ihn ganz so, wie er sei, der Klägerin zu überliefern, welches er zitternd tat. Das Weib nahm ihn, machte alle tausend Verbeugungen und bat Gott für das Leben und die Gesundheit des Herrn Statthalters, der sich der Hilfsbedürftigen, Verwaisten und der Jungfrauen annehme, und hiermit verließ sie den Gerichtssaal, indem sie den Beutel mit beiden Händen hielt, aber erst vorher nachsah, ob es auch wirklich Silbergeld sei, was er enthalte. Kaum war sie fort, als Sancho dem Hirten sagte, dem die Augen schon überliefen und Herz und Seele nach seinem Beutelchen gezogen wurden: „Guter Freund, lauft dem Weibe nach und nehmt ihm den Beutel weg, so sehr sie sich auch wehrt, und bringt ihn wieder hierher!“ Dies wurde keinem Tauben oder Einfältigen gesagt, denn er schoss wie ein Blitzstrahl fort, wohin es ihm geboten war.

Alle Zuschauer waren in Erwartung, wie dieser Handel ausschlagen würde, als bald darauf der Mensch und das Weib wieder zurückkamen, noch enger verwickelt und aneinandergeklammert als das erstemal; sie hatte den Rock aufgerafft und hielt in dessen Falten den Beutel fest, und der Mann strengte sich an, ihr denselben wegzunehmen, aber es war ihm nicht möglich, so kräftig verteidigte ihn das Weib, welches laut schrie: „Gerechtigkeit vor Gott und der Welt! Seht, gnädiger Herr Statthalter, die Frechheit und Unverschämtheit des Bösewichtes, der mir vor allen Leuten und auf offener Straße den Beutel wieder wegnehmen will, den Ihr mir doch zugesprochen habt.“ „Und hat er ihn dir genommen?“ fragte der Statthalter. „Genommen?“ antwortete das Weib, „eher soll er mir das Leben nehmen, als er mir den Beutel nimmt, ei, da käme er mir gerade recht, das müssten sich andere von der Nase wischen lassen, wie viel mehr der schofle und armseIige Kerl; nicht Hammer und Zange, nicht Schlingen und Brecheisen sollen ihn mir wieder entreißen, ja selbst die Klauen des Löwen nicht! Nein, lieber die Seele aus dem Leibe!“

„Sie hat recht“, erwiderte der Mann, „ich gebe mich für überwunden und ohnmächtig, ich gestehe, dass ich nicht stark genug bin, ihr den Beutel zu nehmen, mag sie ihn behalten.“

Hierauf sagte der Statthalter zu dem Weibe: „Zeige doch, du tugendhafte Gewaltige, den Beutel her!“ Sie gab ihn sogleich, und der Statthalter wandte sich wieder zu dem Manne und sagte zu der Zwingenden und Nichtbezwungenen : „Mein Kind, hättet Ihr dieselbe Kraft und Tapferkeit, die ihr gezeigt habt, den Beutel zu verteidigen, ja nur die Hälfte davon angewandt, Euren Leib zu beschützen, so hätte Euch selbst Herkules keine Gewalt an tun können; geht mit Gott und lasst es Euch geraten sein dass Euch. keiner auf dieser ganzen Insel findet und auf sechs Meilen in der Runde, bei Strafe von zweihundert Hieben. Macht Euch gleich fort, Ihr Spitzbübin, frecher und lügenhafter Mensch!“

Das Weib erschrak und ging kopfhängend und verdrießlich weg, der Statthalter aber sagte zu dem Manne: „Lieber Mann, geht in Gottes Namen mit Eurem Geld nach Eurem Dorf, und in Zukunft, wenn Ihr es nicht verlieren wollt, lasst es Euch nie wieder einfallen, Euch mit irgend jemand zu ergötzen.“

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