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Rilke, Rainer Maria PDF E-Mail

Name

 Rainer Maria Rilke - Autor der Woche

Biographisches

Biographie - wird ergänzt. Gedichte von Rainer Maria Rilke

  • Rainer Maria RilkeRainer Maria Rilke

Gedichte

 
 


Rainer Maria Rilke

Nicht Geist, nicht Inbrunst wollen wir entbehren.

  Karl Graf Lanckoronski
Rainer Maria Rilke


"Nicht Geist, nicht Inbrunst wollen wir entbehren":
Eins durch das andre lebend zu vermehren,
Sind wir bestimmt, und manche sind erwählt,
In diesem Streit ein Reinstes zu erreichen;
Wach und geübt, erkennen sie die Zeichen,
Die Hand ist leicht, das Werkzeug ist gestählt.

Das Leiseste darf ihnen nicht entgehen,
Sie müssen jenen Ausschlagswinkel sehen,
Zu dem der Zeiger sich kaum merklich rührt,
Und müssen gleichsam mit den Augenlidern
Des leichten Falters Flügelschlag erwidern
Und müssen spüren, was die Blume spürt.

Zerstörbar sind sie wie die andern Wesen
Und müssen doch (sie wären nicht erlesen!)
Gewaltigstem zugleich gewachsen sein.
Und wo die andern wirr und wimmernd klagen,
Da müssen sie der Schläge Rhythmen sagen,
Und in sich selbst erfahren sie den Stein.

Sie müssen dastehn wie der Hirt, der dauert;
Von ferne kann es scheinen, dass er trauert,
Im Näherkommen fühlt man, wie er wacht.
Und wie für ihn der Gang der Sterne laut ist,
Muss ihnen nah sein, wie es ihm vertraut ist,
Was schweigend steigt und wandelt in der Nacht.

Im Schlafe selbst noch bleiben sie die Wächter:
Aus Traum und Sein, aus Schluchzen und Gelächter
Fügt sich ein Sinn ... Und überwältigt sie‘s
Und stürzen sie ins Knien vor Tod und Leben,
So ist der Welt ein neues Maß gegeben
Mit diesem rechten Winkel ihres Knies.



 
 
 


Rainer Maria Rilke

Winterliche Stanzen

   
Rainer Maria Rilke



Nun sollen wir versagte Tage lange
Ertragen in des Widerstandes Rinde, .
Uns immer wehrend, nimmer an der Wange
Das Tiefe fühlend aufgetaner Winde.
Die Nacht ist stark, doch von so fernem Gange,
Die schwache Lampe überredet linde.
Lass dich‘s getrösten: Frost und Harsch bereiten
Die Spannung künftiger Empfänglichkeiten.

Hast du denn ganz die Rosen aus empfunden
Vergangnen Sommers? Fühle, überlege:
Das Ausgeruhte reiner Morgenstunden,
Den leichten Gang in spinnverwebte Wege?
Stürz in dich nieder, rüttele, errege
Die liebe Lust: sie ist in dich verschwunden.
Und wenn du eins gewahrst, das dir entgangen,
Sei froh, es ganz von vorne anzufangen.

Vielleicht ein Glanz von Tauben, welche kreisten,
Ein Vogelanklang, halb wie ein Verdacht,
Ein Blumenblick (man übersieht die meisten),
Ein duftendes Vermuten vor der Nacht.
Natur ist göttlich voll; wer kann sie leisten,
Wenn ihn ein Gott nicht so natürlich macht?
Denn wer sie innen, wie sie drängt, empfände,
Verhielte sich, erfüllt, in seine Hände.

Verhielte sich wie Übermaß und Menge
Und hoffte nicht, noch Neues zu empfangen,
Verhielte sich wie Übermaß und Menge
Und meinte nicht, es sei ihm was entgangen,
Verhielte sich wie Übermaß und Menge
Mit maßlos übertroffenem Verlangen
Und staunte nur noch; dass er dies ertrüge:
Die schwankende, gewaltige Genüge.



 
 
 


Rainer Maria Rilke

Aus dem Stunden-Buch

   
Rainer Maria Rilke

Ich lebe grad, da das Jahrhundert geht.
Man fühlt den Wind von einem großen Blatt,
Das Gott und du und ich beschrieben hat
Und das sich hoch in fremden Händen dreht.

Man fühlt den Glanz von einer neuen Seite,
Auf der noch alles werden kann.

Die stillen Kräfte prüfen ihre Breite
Und sehn einander dunkel an.
Alles wird wieder groß sein und gewaltig.
Die Lande einfach und die Wasser faltig,
Die Bäume riesig und sehr klein die Mauern;
Und in den Tälern, stark und vielgestaltig,
Ein Volk von Hirten und von Ackerbauern.

Und keine Kirchen, welche Gott umklammern
Wie einen Flüchtling und ihn dann bejammern
Wie ein gefangenes und wundes Tier -
Die Häuser gastlich allen Einlassklopfern
Und ein Gefühl von unbegrenztem Opfern
In allem Handeln und in dir und mir.

Kein Jenseitswarten und kein Schaun nach drüben,
Nur Sehnsucht, auch den Tod nicht zu entweihn
Und dienend sich am Irdischen zu üben,
Um seinen Händen nicht mehr neu zu sein.


 
 


Rainer Maria Rilke

Archaischer Torso Apollos

   
Rainer Maria Rilke

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
Darin die Augenäpfel reiften. Aber
Sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
In dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

Sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
Der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
Der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
Zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
Unter der Schultern durchsichtigem Sturz
Und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle

Und bräche nicht aus allen seinen Rändern
Aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
Die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.


 
 


Rainer Maria Rilke

Herbsttag

   
Rainer Maria Rilke

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
Und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
Gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
Dränge sie zur Vollendung hin und jage
Die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
Wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
Und wird in den Alleen hin und her
Unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

 
 
 


Rainer Maria Rilke

Östliches Taglied

   
Rainer Maria Rilke

Ist dieses Bette nicht wie eine Küste,
Ein Küstenstreifen nur, darauf wir liegen?
Nichts ist gewiss als deine hohen Brüste,
Die mein Gefühl in Schwindeln überstiegen.

Denn diese Nacht, in der so vieles schrie,
In der sich Tiere rufen und zerreißen,
Ist sie uns nicht entsetzlich fremd? Und wie:
Was draußen langsam anhebt, Tag geheißen,
Ist das uns denn verständlicher als sie?

Man müsste so sich ineinanderlegen
Wie Blütenblätter um die Staubgefäße:
So sehr ist überall das Ungemäße
Und häuft sich an und stürzt sich uns entgegen.

Doch während wir uns aneinanderdrücken ,
Um nicht zu sehen, wie es ringsum naht,
Kann es aus dir, kann es aus mir sich zücken:
Denn unsre Seelen leben von Verrat.



 
 


Rainer Maria Rilke

Der Panther

  Im Jardin des Plantes, Paris
Rainer Maria Rilke

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
So müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
Und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
Der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
Ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
In der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
Sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
Geht durch der Glieder angespannte Stille-
Und hört im Herzen auf zu sein.

 

 
 


Rainer Maria Rilke

Lied vom Meer

  Capri, Piccola Marina
Rainer Maria Rilke
Uraltes Wehn vom Meer,
Meerwind bei Nacht:
Du kommst zu keinem her;
Wenn einer wacht,
So muss er sehn, wie er
Dich übersteht:
Uraltes Wehn vom Meer,
Welches weht
Nur wie für Ur-Gestein,
Lauter Raum
Reißend von weit herein.

 

O wie fühlt dich ein
Treibender Feigenbaum
Oben im Mondschein.



 
 


Rainer Maria Rilke

Da dich das geflügelte Entzücken

   
Rainer Maria Rilke



Da dich das geflügelte Entzücken
Über manchen frühen Abgrund trug,
Baue jetzt der unerhörten Brücken
Kühn berechenbaren Bug.

Wunder ist nicht nur im unerklärten
Überstehen der Gefahr;
Erst in einer klaren reingewährten
Leistung wird das Wunder wunderbar.

Mitzuwirken ist nicht Überhebung
An dem unbeschreiblichen Bezug,
Immer inniger wird die Verwebung,
Nur Getragensein ist nicht genug.

Deine ausgeübten Kräfte spanne,
Bis sie reichen, zwischen zwein
Widersprüchen ... Denn im Manne
Will der Gott beraten sein.



 
 


Rainer Maria Rilke

Volksweise

   
Rainer Maria Rilke

Mich rührt so sehr
Böhmischen Volkes Weise,
Schleicht sie ins Herz sich leise,
Macht sie es schwer.

Wenn ein Kind sacht
Singt beim Kartoffeljäten,
Klingt dir sein Lied im späten
Traum noch der Nacht.

Magst du auch sein
Weit über Land gefahren,
Fällt es dir doch nach Jahren
Stets wieder ein.


 
 


Rainer Maria Rilke

Aus den Sonetten an Orpheus

  Seite 1
Rainer Maria Rilke



Wandelt sich rasch auch die Welt
Wie Wolkengestalten,
Alles Vollendete fällt
Heim zum Uralten.

Über dem Wandel und Gang,
Weiter und freier,
Währt noch dein Vor-Gesang,
Gott mit der Leier.

Nicht sind die Leiden erkannt,
Nicht ist die Liebe gelernt,
Und was im Tod uns entfernt,

Ist nicht entschleiert.
Einzig das Lied überm Land
Heiligt und feiert.

----------

Frühling ist wiedergekommen. Die Erde
Ist wie ein Kind, das Gedichte weiß:
Viele, o viele ... Für die Beschwerde
Langen Lernens bekommt sie den Preis.

Streng war ihr Lehrer. Wir mochten das Weiße
An dem Barte des alten Manns.
Nun, wie das Grüne, das Blaue heiße,
Dürfen wir fragen: sie kann's, sie kann's!

Erde, die frei hat, du glückliche, spiele
Nun mit den Kindern. Wir wollen dich fangen,
Fröhliche Erde. Dem Frohsten gelingt's.

O was der Lehrer sie lehrte, das viele,
Und was gedruckt steht in Wurzeln und langen
Schwierigen Stämmen: sie singt's, sie singt's.

-----------

 
 


Rainer Maria Rilke

Aus den Sonetten an Orpheus

  Seite 2
Rainer Maria Rilke


Wolle die Wandlung. O sei für die Flamme begeistert,
Drin sich ein Ding dir entzieht, das mit Verwandlungen
prunkt;
Jener entwerfende Geist, welcher das Irdische meistert,
Liebt in dem Schwung der Figur nichts wie den wendenden
Punkt.

Was sich ins Bleiben verschließt, schon ist's das Erstarrte;
Wähnt es sich sicher im Schutz des unscheinbaren Graus?
Warte, ein Härtestes warnt aus der Ferne das Harte.
Wehe --: abwesender Hammer holt aus!

Wer sich als Quelle ergießt, den erkennt die Erkennung;
Und sie führt ihn entzückt durch das heiter Geschaffne,
Das mit Anfang oft schließt und mit Ende beginnt.

Jeder glückliche Raum ist Kind oder Enkel von Trennung,
Den sie staunend durchgehn. Und die verwandelte Daphne
Will, seit sie lorbeern fühlt, dass du dich wandelst in Wind.

------

O Brunnen-Mund, du gebender, du Mund,
Der unerschöpflich Eines, Reines, spricht, -
Du, vor des Wassers fließendem Gesicht,
Marmorne Maske. Und im Hintergrund

Der Aquädukte Herkunft. Weither an
Gräbern vorbei, vom Hang des Apennins
Tragen sie dir dein Sagen zu, das dann
Am schwarzen Altern deines Kinns

Vor überfällt in das Gefäß davor.
Dies ist das schlafend hingelegte Ohr,
Das Marmorohr, in das du immer sprichst.

Ein Ohr der Erde. Nur mit sich allein
Redet sie also. Schiebt ein Krug sich ein,
So scheint es ihr, dass du sie unterbrichst.

-----

Schon, horch, hörst du der ersten Harken
Arbeit, wieder den menschlichen Takt
In der verhaltenen Stille der starken
Vorfrühlingserde. Unabgeschmackt

Scheint dir das Kommende. Jenes so oft
Dir schon Gekommene scheint dir zu kommen
Wieder wie Neues. Immer erhofft,
Nahmst du es niemals. Es hat dich genommen.

Selbst die Blätter durchwinterter Eichen
Scheinen im Abend ein künftiges Braun.
Manchmal geben sich Lüfte ein Zeichen.

Schwarz sind die Sträucher. Doch Haufen von Dünger
Lagern als satteres Schwarz in den Aun.
Jede Stunde, die hingeht, wird jünger.

 


 

 


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