|
„Kommt Kindlein! kommt und legt euch schlafen; der Abend ist gekommen und es ist jetzt keine Zeit mehr zum Spielen. Der Tag ist lang gewesen, ich bin müde und sehne mich nach Ruhe, denn ich habe viel gearbeitet.“ So sprach Mutter Erde und die Kinder folgten ihr willig. Die Blumen, die jüngsten und zartesten Kinder der Erde, kauerten sich im Schoß der Mutter zusammen; die Bäume schlossen ihre Augen und fingen bald an zu schnarchen; die Bäche und Flüsse zogen ihre Decke über sich und träumten. „Kindlein, ...“ sagte die Mutter zu den Blumen, „... ich bin sehr schläfrig und werde bald in einen festen Schlaf verfallen; solltet ihr später als ich einschlummern oder früher erwachen, so hütet euch ja, meinen Schoß zu verlassen. Ich sage euch das, weil es oft geschehen ist, dass ein tückischer Wind die Stimme unseres freundlichen Westes angenommen und mit süßen Worten meine Kindlein verführt hat, dass sie meinen Schoß verließen, wähnend, der Bräutigam sei gekommen. Ach, wie haben sie es so schwer büßen müssen! Der schlimme Wind hat sie an sein eiskaltes Herz gedrückt; und als ich dann vom Schlafe erwachte und sie rief und suchte, fand ich nur noch ihre Leichen und konnte nichts tun, als sie mit meinen Tränen benetzen. Nicht wahr, Kinderchen, ihr folgt eurer Mutter?“ Die Blumen versprachen es und schlossen ihre Augen. Mutter Erde sprach den Abendsegen, legte sich zur Ruhe und hüllte sich in ihre warme, weiße Decke. Auf einem kahlen Ast saß ein einsames Vöglein und sang:
Die Halme erbleichen, es führet hinab
Die Blätter als Leichen der Wind in das Grab.
Die duftigen Kinder sind alle verblüht;
Es naht sich der Winter, die Erde ist müd.
Auf! Tragt mich ihr Flügel dem Winter vorbei
Über Täler und Hügel zum ewigen Mai.
So sang das Vöglein und schwang seine schimmernden Flügel und verschwand in den roten Abendwolken. Am anderen Tage, als die Erde recht fest eingeschlafen war, kam ein tückischer Wind und sah sie schlummern; denn die Sonne, die der Erde den Schlaf nicht gönnt, weil sie selber ewig wachen muss, hatte an der weißen Decke gezupft und sie an einigen Stellen von der Schläferin weggezogen.
Als nun der Wind die Erde so fest schlafen sah , da gelüstete es ihm , seinem Feinde, dem Weste, einen schlimmen Streich zu spielen und ihn bei den Blumen zu verdächtigen. Er fing Sonnenstrahlen, soviel er nur bekommen konnte mit dem Munde auf und verschluckte sie, um dadurch seine Stimme zart zu machen; dann gab er seinem Gesicht ein freundliche Miene und rief: „Kommt, ihr süßen Mädchen! kommt Lebchen, der Bräutigam ist da; lasst ihn nicht vergebens harren, er glüht vor Verlangen, euch zu umarmen, zu küssen. Die Sonne scheint freundlich und warm am blauen Himmel, die Bienen summen lustig und die Vöglein singen gar lieblich. Eure Mutter hat euch nur deshalb so zeitig zu Bett gehen lassen weil sie euch die die Freude nicht gönnt. Ihr braucht euch aber nicht vor ihr zu fürchten, sie schläft fest, und ehe sie erwacht , liegt ihr längst wieder in ihrem Schoß.“
Primel, die noch nicht eingeschlafen war, hörte die lockende Stimme. Sie hob ihr Köpfchen in die Höhe, spähte umher, und als sie alle ihre Schwestern schlafen sah, lachte sie still in sich hinein, und sagte leise: „Hab ich mir's doch gleich gedacht, dass Mutter nur deshalb haben wollte, dass wir schliefen, weil sie selbst müde war und nicht Lust hatte, uns länger zu bewachen. Die Geschichte von dem tückischen Wind war nur ein Märchen , womit sie uns furchtsam machen wollte, auf dass wir recht still auf ihrem Schoße lägen. Mögen die Schwestern schlafen; ich kann um so ungestörter ein Stündchen mit dem lieben Weste kosen und scherzen.“
Leise schlich sie empor und schaute sich erst ganz vorsichtig um; als sie aber den blauen Himmel sah und die goldene Sonne, da trat sie bald munter hervor und wurde von dem angeblichen Weste freundlich begrüßt. „Du hast mich lange auf dich warten lassen, mein liebes Primelchen, ...“ sagte er, „... ich bin fast vor Sehnsucht nach dir vergangen, meine süße Freundin.“ „Es war nicht meine Schuld, ...“ antwortete Primel, „... ich musste erst
nachsehen, ob auch die Schwestern alle schliefen, damit sie mich nicht verrieten. Aber nun lass uns spielen, ich darf nicht lange weilen.“ Sie spielten ein Weilchen und Primelchen konnte sich genug darüber wundern, dass sich Weste heute so gar täppisch anstellte.
Endlich sagte Primelchen: „Ich muss dir nun Lebewohl sagen, sie könnten mich sonst vermissen.“ Der angebliche Weste flehte, Primelchen möge doch noch einige Augenblicke verweilen. Als ihm die Bitte abgeschlagen wurde, bat er zärtlich um einen Abschiedskuss. Diesen konnte ihm das gutherzige Primelchen nicht verweigern. Der tückische Betrüger drückte sie an seine Brust und hauchte einen Kuss auf ihre Lippen. Da durchbebten Todesschauer das arme Kind; erbleichend sank sie auf den Boden und war in wenigen Minuten eine Leiche.
Aber der Wind hatte keine große Freude an seinem bösen Streich. Er hatte mit der Liebe gescherzt und fühlte nun zu spät, dass aus dem Scherz bitterer Ernst geworden war. Er hatte sich unsterblich in Primelchen verliebt und war nun ganz trostlos darüber, dass er seine Geliebte mit dem ersten Kusse ermordet hatte. Wie ein Verzweifelnder brauste er von dannen und jagt noch heute ohne Rast und Ruhe klagend durch die weite Welt.
Wenn die kleine Primel nicht auf die Mutter hört.
Ein Märchen von Julius Sturm
|
Brillantes Leseabenteuer: David Graeb...
Solange auch nur ein Kind auf diesem ...
Schlimm ist nur, daß das keiner ...
"ECHTER WANDEL: Für uns ...
Schönes Märchen. "Doch die Stiefe...
Demokratie ist, wenn man JA oder NEIN...
Volkers Feststellung ist allerdings s...
Neusprech: "Wir sagen nicht mehr...
Und Sie?! Was werden Sie sagen, wenn ...
Griechenland und Portugal sind die wi...