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Laternenglück E-Mail


Friedrich Wilhelm Hackländer

Laternenglück

Die Frau Hofrätin und die Frau Kanzleirätin waren Freundinnen, wie man sie in der jetzigen verderbten Welt wenig mehr findet. Sie kannten sich schon lange, lange Jahre hindurch und hatten sich ordentlich ineinander hineingelebt,
ja ihre Neigungen und kleinen Liebhabereien waren dieselben geworden. Die Hofrätin zum Beispiel konnte keine Stockfische in brauner Sauce vertragen, und der Kanzleirätin waren sie deshalb ein Gräuel. Der grünen Farbe an Kleidungsstücken waren sie stillschweigend, übereingekommen, sich nicht mehr zu bedienen, und auf diese Art zeigten sich die irdischen Hüllen dieser gleichgestimmten Seelen ebenfalls fast beständig in schönster Harmonie. Von Charakter war die Hofrätin etwas stolzer als die Kanzleirätin, und namentlich betrachtete sie ihren Titel, weil derselbe mit dem Hof zusammenhing, für vornehmer, und es hatte die Kanzleirätin viel Mühe gekostet, ihr diesen Gedanken zu benehmen.

„Liebe Hofrätin“, sprach sie, „wenn du in der Rangliste nachsehen willst, so sind wir beide in der siebenten Klasse.“ „Aber“, fiel ihr die Hofrätin hier ins Wort, „du musst nicht vergessen, dass in dieser Rangklasse der Hofrat nach den Hofärzten kommt, dann der Hütten - und Salinenverwalter, die Kanzleidirektoren bei den zweien nicht genannten Landeskollegien, und dann erst der Kanzleirat.“

Die Kanzleirätin lächelte und meinte, der Hofrat sei ein leerer Titel; denn sie möge nur einen einzigen Fall bezeichnen, wo ihr Mann bei Hof einen Rat gegeben habe; dagegen müsse auf der Kanzlei ihr Mann beständig raten. Eine Zeitlang war
dieser Rangstreit eine gefährliche Klippe in der Freundschaft; doch nachdem sie glücklich umschifft war, fuhren sie einträchtig nebeneinander her auf dem ruhigen Wasser des täglichen Familienlebens. Die beiden Familien wohnten auf dem gleichen Stockwerk, die Zimmer, wo sie speisten, waren nur durch eine dünne Wand geschieden, und mittags klopfte die Kanzleirätin mit ihrem Messer an die Wand und rief hinüber: „Guten Appetit, Hofrätin“, und dumpf schallte es herüber: „Danke, schmeckt's Kanzleirätin ?“

Einmal hätte es in dieser Freundschaft beinahe eine gefährliche Spaltung geben können, weil der Kanzleirat, ein alter, mürrischer Geselle, es für unnötig fand, dass die Frauen sich den Titel ihres Mannes beilegen. Merkwürdigerweise war die Hofrätin mit ihm einverstanden, und nur die heftige Opposition des Hofrats und der Kanzleirätin rettete den Staat; doch setzte es der Kanzleirat durch, dass die Titel künftig Frau Hofrat und Frau Kanzleirat waren.

Im Königlichen Hoftheater hatten die beiden Damen mit vierundzwanzig andern Frauen ein Abonnement in einer Loge zu sechs Personen. Es war so eingerichtet, dass sie ihre beiden Billets auf einen Tag bekamen. Da saßen sie nun zusammen
und ergötzten sich allgemein, sowohl an den schönen Stücken, die hätten gegeben werden können, als an den Toiletten der anderen weiblichen Zuschauerinnen. In den Zwischenakten wurden Äpfel und Nüsse verspeist, für welche abwechselnd
die eine oder die andere sorgen musste, bei den geraden Nummern der Theaterabende die Frau Hofrat, bei den ungeraden die Frau Kanzleirat. Einmal im Jahr wurden diese Tage gewechselt, damit nicht immer eine und dieselbe an den geraden oder ungeraden Nummern zu sorgen hätte. So saßen sie da in würdiger Freundschaft, und wenn es im ‚Sohn der Wildnis‘ hieß:
‚Zwei Seelen und ein Gedanke,
zwei Herzen und ein Schlag,‘
da verstanden sie den Dichter vollkommen.

Aber das tückische Schicksal ist immer bemüht, Unkraut zwischen den Weizen zu säen. Wenn man abends kurz vor der Beendigung des Theaters vor dem Königlichen Schauspiel- und Opernhaus in Stuttgart steht, so glaubt man in milder Mainacht in einem duftenden Walde zu sein, wo von allen Seiten die Leuchtkäfer heranschwirren.
Da ist der Schlossplatz wie mit Lichtern besät, die eilfertig und geschäftig gegen das Theater hinziehen. Es sind die Laternen der weiblichen Dienstboten, die kommen, ihre Herrschaften abzuholen. Für den gewöhnlichen Beschauer sind es einfache Laternen, für den tieferen Denker aber liegen in der Form und Größe derselben bedeutsame Beziehungen. Wir möchten sagen: Diese Laternen an dem Stuttgarter Hoftheater sind ein leuchtender Auszug aus dem Königlich Württembergischen Hof- und Staatshandbuch, eine illustrierte Rangliste, von der achten Klasse anfangend.

Die Laternen der achten Rangklasse, den Frauen der Hofstabssekretäre
und den Lieutenants angehörig, sind klein, viereckig, von weißem Blech mit einem einzigen Talglicht. Die der siebenten Rangklasse, den Frauen der Hofräte,
Kanzleiräte, Oberförster und Stallmeister, sind größer, etwas länglich, aber doch von weißem Blech und führen ein Wachslicht.

Die der sechsten bedeutend größer als die der vorigen, für die Frauen der geheimen Hofräte, der Majore etc., führen zwei Stearinlichter (bis hierher befreiter Gerichtsstand). Die der fünften Rangklasse, den Frauen der Kanzleidirektoren,
der geheimen Legationsräte, Oberkriegsräte, Oberstlieutenants, haben in der Größe das Übermögliche getan. Diese Laternen sind von Messing und führen zwei Wachslichter. Von der vierten Klasse an hört die Beleuchtung mit Laternen
auf, und hier ist gewöhnlich ein männlicher Bedienter angestellt,
der die Frau Direktorin oder Frau Oberstin als Schutzengel begleitet. Dito bei der dritten Rangklasse. Zweite und erste Rangklasse, die Exzellenzen, gehen entweder
gar nicht ins Theater oder bedienen sich eigener Equipagen und Droschken.

Wir können nun versichern, dass sowohl die Frau Hofrat als die Frau Kanzleirat sich nicht über die ihnen angewiesene Rangklasse, die siebente, verstieg. Ihre Laternen waren von weißem Blech, etwas länglich und führten ein Wachslicht. Da sie, wie schon gesagt, gewöhnlich zusammen nach Hause gingen, so hatten sie zwei Laternen zur Verfügung, Von denen eine, den Zug eröffnend, die Straße beleuchtete, die andere, den Zug beschließend, einen magischen Lichteffekt auf die Dahinwandelnden warf.

Da fügte es das Schicksal, dass der Kanzleirat in einer Auktion um billiges Geld eine Laterne erstand, die offenbar der sechsten Rangklasse angehörte, denn, obgleich etwas defekt, war sie außerordentlich groß und führte zwei Stearinlichter. Hätte der Kanzleirat einige Menschenkenntnis besessen, so würde er an dem Erstaunen des Auktionärs sowie an dem gerechten Unwillen, der deutlich auf dem Gesichte aller anwesenden Frauen, welche der Auktion beiwohnten, geschrieben stand, gelesen haben, wie sehr er gegen die Rangordnung verstoßen. Doch er sah von allem dem nichts. Die Laterne wurde nach Hause gebracht und von dem boshaften Dienstmädchen hell und blank geputzt.

Grabstein der Freundschaft, unglückselige Laterne!
Verehrter Leser, lass uns zwei Tränen weinen.

Das Theater war beendigt, und beide Frauen wandelten dahin. Voraus ging Hofrats Ricke mit der Laterne der siebenten Rangklasse. Ihnen folgte Kanzleirats Bäbele mit der neuerkauften Laterne. Wahrscheinlich hätte die Hofrätin den schrecklichen Verrat an ihrer Freundschaft solchergestalt nicht entdeckt, wenn es ihr nicht unglücklicherweise eingefallen wäre, die Freundin mitten auf dem Schlossplatz auf die Schönheit des Abends aufmerksam zu machen.

„'s ist doch ein wunderschöner Abend, Kanzleirätin, dieser Abend heut' abend. Siehst du, wie die Gaslichter so hell brennen?“ „Ja, und aus den Anlagen heraus, mein' ich, hört man die Nachtigallen schlagen, Hofrätin.“ „Ja, Kanzleirätin, und wie auf dem Theater die Wetterhex vom Mond so schön beleuchtet ist! und die - Aber Bäbele, was hat Sie für eine Laterne?“
„Na, nu, Frau Hofrat, das ist die Latern' von der Frau Kanzleirat.“
„Von - der - Frau Kanzlei - rat?“
„Das habe ich wahrhaftig vergessen, dir zu sagen, mein Mann hat sie neulich in der Auktion gekauft.“
Die Hofrätin war in ihren heiligsten Gefühlen gekränkt, und ihr weiches Herz, das ohnehin von dem schönen Abend poetisch angeregt war, zog sich krampfhaft zusammen. Sie heftete ihren umflorten Blick auf ihre kIeine Laterne von weißem Blech mit dem einzigen Wachslicht, warf alsdann einen Blick des Schmerzes auf die Laterne der sechsten Rangklasse, einen fürchterlichen Zornblick auf die Kanzleirätin und eilte schweigend in der dunklen Nacht davon.

Die Kanzleirätin schüttelte den Kopf und ging ebenfalls ihrer Wege, das heißt, direkt ihrer Wohnung zu. Dort angekommen, musste Bäbele noch einen .Ausgang besorgen, während sich die Kanzleirätin in ihre innersten Gemächer zurückzog. Ein solches Benehmen hatte sie von der Freundin nicht erwartet.

Bäbele aber setzte die Laterne auf den Absatz der Treppe hin und ging, ihren Ausgang ohne Laterne zu besorgen. Kurze Zeit darauf kam die Frau Hofrätin ebenfalls nach Hause und hatte sich etwas gesammelt. „Die Kanzleirätin“,
sprach sie bei sich, „ist doch nicht schuld. Freilich hochmütig ist sie immer gewesen. Sie wird die Laterne, die Ihr nicht zukommt, gewiss nimmer gebrauchen, sie wird sie nie mehr vor deine Augen bringen.“

Damit öffnete sie ihre Haustür, und auf dem ersten Absatz des Hausflurs stand die unglückselige Laterne, hell und strahlend, als wollte sie sagen: Sieh mich an, Hofrätin, sieh meine beiden Stearinlichter. Juhe, sechste Rangklasse!

Da schwamm es der Hofrätin vor den Augen, die Laterne nahm den ganzen Platz der Treppe ein, und die unglückliche Frau musste sie notwendig berühren. Wenden wir unsere Blicke ab, die Laterne fiel zufälligerweise die Treppe hinunter - alle vier Scheiben zerbrachen, die Lichter löschten aus, und Bäbele, als sie nach Hause kam, schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

Mit dem Bruch der Scheiben war auch der Bruch der Freundschaft vollständig. Zornentbrannt schliefen beide Frauen ein, und merkwürdigerweise träumten beide die ganze Nacht von der sechsten Rangklasse und vom befreiten Gerichtsstand.

Was sollen wir dem Leser weiter sagen? Die Harmonie war gestört, und der Teufel der Zwietracht beutete alles aus, um eine Annäherung der gekränkten Herzen ferner unmöglich zu machen.

Schon am andern Morgen kaufte die Kanzleirätin einen grünen Hut und die Hofrätin einen grünen Schal. Der Hofrat und der Kanzleirat aber wunderten sich ungemein, dass sie in der nächsten Woche dreimal Stockfische in brauner Sauce essen mussten. Die Theaterbillette wurden um ein billiges verkauft, von einem Klopfen zur Mittagsstunde ward nie mehr etwas gehört, und am nächsten Quartal zogen beide Familien aus, der Hofrat in die verlängerte Neckarstraße, der Kanzleirat
an den Feuersee.

Über den Sternen aber weinte der Engel der Freundschaft auf eine Laterne der sechsten Rangklasse.

Mehrere Jahre später, es war gerade der 17. Januar 1849, da begegneten sich beide Frauen auf dem Schlossplatz  - tief gebeugt durch die Zeitereignisse – weinend und versöhnt sanken sie sich in die Arme und lispelten – deutsche Grundrechte § 7.

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josh  - Altbacken?   |20-05-2009 08:32:26
Liest sich anfangs etwas altbacken, wird dann aber doch recht interessant und auch informativ. Nette kleine Geschichte.
Jörg  - Der Gesetzgeber   |23-06-2009 16:04:03
Da kann man mal wieder sehen: Der Gesetzgeber schreibt vor...
Wendehälse.
josh  - witzig   |28-06-2009 08:07:01
Ja, genau. Und die nächste Revolution kommt mit Sicherheit. Bin gespannt wie Beamte, Politiker usw. dann von einen auf den anderen Tag ihre Meinung in entgegengesetzter Richtung leiten. Aber sie haben dann ja von allem Unrecht und aller Lüge nichts gewusst...
WITZIG!!!

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