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Suche nach Schlagwort : Tschechow, Kurzerzählungen, Novellen, Dramen, Theophrast, Pfennigfuchser


Eine Nacht im Jägerhaus PDF Drucken E-Mail


Friedrich Hebbel

Eine Nacht im Jägerhaus

„Kommen wir denn nicht bald nach D.?“ rief Otto ungeduldig seinem Freunde Adolph zu und fuhr heftig mit der Hand nach seiner linken Wange, weil er sich an einem Zweig geritzt hatte, „die Sonne ist längst hinunter, die Finsternis kann kaum noch größer werden, und die Beine wollen mich nicht mehr tragen.“
„Ich glaube, dass wir uns verirrt haben“, entgegnete Adolph kleinmütig, „wir müssen uns wohl darauf gefasst machen, die Nacht im Wald zuzubringen!“
„Das habe ich längst gedacht“, versetzte Otto ärgerlich, „aber du weißt allenthalben Bescheid, auch da, wo du nie gewesen bist. Hungrig bin ich auch, wie der Wolf, wenn er ein Schaf blöken hört.“
„Ich habe noch eine Semmel in der Tasche“, erwiderte AdoIph, indem er danach zu suchen begann. „Doch nein“, setzte er sogleich hinzu, „ich habe sie dem ausgehungerten Schäferhund zugeworfen, der uns im letzten Dorf vorüberschlich.“

Eine lange Pause, wie sie nur dann unter Studenten möglich ist, wenn sie bis aufs Blut ermüdet sind, trat ein. Die Freunde wanderten, sich beide gereizt fühlend und sich beide dieser Kleinlichkeit schämend, bald stumm, bald pfeifend, nebeneinander
hin.
„Nun fängt's auch noch zu regnen an!“ begann Otto endlich wieder.
„Wer eine Haut hat, fühlt es“, versetzte Adolph, „aber, wenn mich mein Auge nicht täuscht, so seh ich drüben ein Licht schimmern!“
„Ein Irrlicht, was wohl anders!“ sagte Otto halblaut, „es wird hier an Sümpfen nicht fehlen!“  Dessen ungeachtet verdoppelte er seine Schritte.
„Wer da?“ rief Adolph und stand auf einmal still. Es erfolgte keine Antwort. „Ich meinte, Fußtritte hinter uns zu hören!“ sagte er dann.
„Man verhört sich leicht!“ entgegnete Otto.

Währenddessen waren sie an ein einsam gelegenes Haus gelangt. Sie traten unter die Fenster und schauten hinein. Ein weites, ödes Zimmer zeigte sich ihren Blicken; die schlechten Lehmwände hatten ihre ehemalige Kalkbesetzung zum Teil verloren, einige Strohstühle standen umher, und über dem halb niedergebrochnen Ofen hingen zwei Pistolen nebst einem Hirschfänger. Im Hintergrund saß an einem Tisch ein altes Weib, zahnlos und einäugig, zu ihren Füßen lag ein großer Hund, der sich mit seinen ungeschlachten Pfoten zuweilen kratzte.

„Ich denke“, begann Adolph nach vollbrachter Musterung, Wir nehmen unser Quartier lieber unter einem Busch als in dieser Höhle. Es sieht ja ganz verflucht darin aus!“ Otto hatte dieselbe Äußerung auf der Zunge gehabt. Wie aber in solchen Stunden des äußersten Missbehagens der Mensch sich zu beständigem Widerspruch aufgelegt fühlt, setzte sich seine Meinung schnell in ihr Gegenteil um, und er erwiderte spöttisch, dass er ein altes Weib nicht eben furchtbar fände und in der
Tat nicht wisse, warum sie nicht hineingehen sollten.
„Es beliebt dir“, versetzte Adolph scharf, „mich misszuverstehen. Die Alte sitzt gewiss nicht unsertwegen da, sie wartet auf Gäste, und welcher Art diese sind, ist schwer zu
sagen. Sieh nur, wie sie sich das Auge, das ihr von der letzten Schlägerei her übrigblieb, reibt, um den Schlaf, der sie beschleicht, zu verscheuchen, und wie sie das zahnlose Maul verzieht! Eine Schenke ist's ohnehin, denn drüben in der Ecke
stehen Flaschen und Gläser. Aber, wie du, so ich.“
Bevor Otto etwas erwidern konnte, erscholl hinter beiden ein scharfes „Guten Abend!“, und eine Mannsgestalt wurde in dem schwachen Lichtschimmer, der durchs Fenster drang, sichtbar; kurz, gedrungen, mit Augen, die verschlagen und listig von dem einen zum andern wanderten, den Jägerhut tief in die Stirn hinabgedrückt.
„Sie haben sich ohne Zweifel verirrt“, fuhr der Unbekannte fort, „und suchen ein Unterkommen für die Nacht. Danken Sie dem Himmel, dass ich gerade von meiner Streiferei zurückkehre, meine alte Mutter hätte Sie nicht aufgenommen. Wenn Sie vorliebnehmen wollen, so folgen Sie mir; etwas besser als hier draußen werden Sie's in der Bodenkammer finden, die ich Ihnen einräumen kann. Bier und Brot steht zu Diensten, und eine Streu zum Schlafen lässt sich aufschütten!“
Der Hund schlug an, und die Alte stand auf und schleppte sich mit schweren Schritten zum Fenster.
„Ich bin's!“ rief der Jäger.
„Du, mein Sohn?“  erwiderte sie in näselndem Ton und öffnete langsam die inwendig verschlossene Tür.
„Nur immer herein!“ sagte der Jäger mit zudringlicher Höflichkeit zu den Freunden. Sie folgten seiner Einladung nicht ohne Widerwillen, Otto zuerst. Sobald sie die Schwelle überschritten hatten, schloss der Jäger mit sonderbarer Hastigkeit die Tür hinter ihnen ab, während die Alte, ihre Brille zurechtrückend, sie unfreundlich betrachtete.
„Noch nicht da?“  fragte der Jäger, indem er sie ins Zimmer hineinnötigte, seine Mutter, aber so leise, dass nicht sie, die schwerhörig sein mochte, sondern nur Otto ihn verstand. Flüsternd trat er nun mit der Alten in eine Ecke, und mehr als einmal flog ein hässliches Lachen über sein Gesicht. Die Alte ging, einen seltsamen Blick auf die späten Gäste werfend, hinaus und kehrte bald darauf mit Bier, Brot und Käse zurück. Der Jäger schob zwei Stühle an den Tisch; sie lud, sich umsonst zur Freundlichkeit zwingend, mit stummen Gebärden zum Zulangen ein. Hungrig, wie sie waren, ließen die Freunde es sich schmecken; mittlerweile nahm der Jäger die über dem Ofen hängenden Pistolen herab, lud sie, ohne sich an das Befremden seiner Gäste zu kehren, mit großer Förmlichkeit, schüttete sogar Pulver auf die Pfanne und steckte sie zu sich. Stillschweigend ergriff er nun die Lampe und führte die Freunde eine Leiter hinauf in eine alte Bodenkammer hinein, wo sie bereits ein Strohlager vorfanden. Mit einem kurzen „Gute Nacht!“ wollte er sich jetzt wieder mit der Lampe entfernen; beide erklärten ihm aber gleichzeitig ihren Wunsch, mit Licht versehen zu werden.
„Mit Licht?“ fragte er verwundert, „es tut mir leid, aber Sie werden bei mir schlafen müssen, wie man im Grabe schläft, nämlich im Dunkeln. Meine Mutter hat selten eine Kerze im Haus, und der Lampe bedürfen wir selbst, um ... um ...“
„Um?“ fragte Otto, da er stockte.
„Um den Abendsegen zu lesen, natürlich“, versetzte er, „nur die Gelehrten wissen ihn auswendig. Doch, wer weiß, vielleicht ist das Glück günstig, und wenn sich nur noch ein Stümpfchen Licht auftreiben lässt, so bringe ich Ihnen die Lampe wieder herauf.“

Der Jäger ging und ließ die Freunde im Dunkeln.
„Was meinst du?“ sagte Otto zu Adolph.
„Wir werden entweder gar nicht oder sehr lange schlafen!“ versetzte dieser ernst.
„Ist dort nicht ein Fenster im Dach?“  fragte Otto.
„So scheint's“,erwiderteAdolph, „ich will doch untersuchen, ob man's öffnen kann.“ Er tappte zum Fenster und bemühte sich, es aufzumachen. In demselben Augenblick trat der Jäger wieder mit der Lampe ein. Mit finstrem Gesicht rief er Adolph zu: „Das Fenster hat die Klinke nur zum Staat, es ist von außen vernagelt, auch sind eiserne Stangen angebracht, wie ich glaube; an frischer Luftwird's dennoch nicht fehlen, denn drei Scheiben sind entzwei!“ Er ging zur Tür zurück, kehrte sich aber noch einmal um und sagte: „Wenn unten auch noch dies und das vorfällt, so lassen Sie sich nur nicht stören, Sie wird niemand beunruhigen!“
„Was gibt's denn noch so spät?“ fragte Adolph heftig.
„Ei nun“, versetzte der Jäger spöttisch, „eine Waldschenke hat bei Nacht den meisten Zuspruch!“
„Aber sicher ist man doch?“ rief Adolph ergrimmt aus.
„Jedenfalls sind wir mit Waffen versehen!“ bemerkte Otto mit erkünstelter Ruhe.
„Das freut mich!“ entgegnete der Jäger laut lachend und warf die Tür hinter sich zu, dass die Pfosten bebten und das Fenster krachte.
„Harras!“ rief er draußen, „pass auf!“ Der Hund lagerte sich knurrend, dann gähnend hart vor der Tür.
„Abgeriegelt!“ sagte Otto zu Adolph. Dies ward, da die Tür wirklich mit einem Schubriegel versehen war, leicht vollbracht.
„Gottlob, dass die Lampe einen hinreichenden Vorrat Öl enthält“, sprach Adolph und leuchtete in der Kammer umher, „nun wollen wir sehen, ob sich unter all dem Gerümpel, das hier wüst durcheinanderliegt, nicht ein Knittel, oder was es sei, finden lässt, der uns zur Verteidigung dienen kann.“

Jetzt begannen sie die Musterung der vielen in der Kammer aufgeschichteten Sachen. Otto fiel ein alter Kalender in die Hände, den er nur aufnahm, um ihn gleich wieder von sich zu schleudern. Adolph griff nach ihm und durchblätterte ihn. Nach einigen Minuten ließ er ihn mit leichenblassem Gesicht zur Erde fallen und sagte: „Nun weiß ich, wo wir sind. Dies ist das Mordloch des (er nannte einen in ganz Deutschland berüchtigten Missetäter, der erst vor einem halben Jahr in der Universitätsstadt, wo die Freunde ihren Studien oblagen, wegen vielfacher Mordtaten enthauptet worden war), sein Name ist in den Kalender eingeschrieben, und vermutlich sind wir die Gäste seines Sohnes.“

Sich den Tod mit allen seinen Schrecken und Geheimnissen lebhaft denken, ist schon der halbe Tod. In voller Glut des jugendlich überschäumenden Daseinsgefühls, das, kaum entfesselt, ungestüm durch alle Adern braust und für die Ewigkeit auszureichen scheint, plötzlich und ohne vorbereitenden Übergang am Rande des vom Meuchelmord aufgeworfenen Grabes stehen, ist gewiss des Entsetzlichen entsetzlichstes. Die Seele zieht sich zusammen, wie ein Wurm sich zusammenzieht im Schatten des schon erhobenen Fußes, der ihn zu zertreten droht; von allen ihren feurigen Wünschen bleibt ihr nur der einzige, noch einmal, dem Wurm gleich, tierisch und ohnmächtig wütend, ihre Lebenskraft und Lebensfähigkeit durch eine letzte Äußerung derselben, durch einen Stich oder einen Schlag am Mörder selbst darzutun. Lautauf jubelten die Freunde, als sie, hinter Brettern versteckt, ein rostiges Beil erblickten; im Triumph zogen sie es hervor und schwangen es, einer nach dem anderen, ums Haupt.
„Siehst du“, sagte Adolph, „es ist mit Blut befleckt!“
„Bespritzt“, entgegnete Otto schaudernd, „wie eine Schlachteraxt! Adolph, an eine solche Nacht dachten wir nicht, als wir heute morgen ausgingen, um uns einen vergnügten Tag zu machen. Die Sonne schien so hell und freundlich, ein frischer Wind spielte mit unsern Locken, und wir sprachen von dem, was wir nach drei Jahren tun wollten!“
„Wer pocht?“ fuhr Adolph auf und ging, das Beil zum Schlage emporhaltend, zur Tür.
„Es ist der Hund, der sich kratzt!“ bemerkte Otto.
„Du hast recht“, versetzte Adolph, „das Tier schnarcht schon wieder laut. Komm, wir wollen uns auf unser Lager setzen und die Lampe auf jenen Block stellen!“

Teil 2

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