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Eine Nacht im Jägerhaus 2 PDF Drucken E-Mail


Friedrich Hebbel

Eine Nacht im Jägerhaus

Sie taten dies stillschweigend, Otto blätterte in dem Kalender und las eine Heiligenlegende, die er enthielt, Adolph sah mit unverwandtem Gesicht in den hellen Schein der Lampe hinein.
„Es ist doch schauerlich“, sprach er nach einem langen Stillschweigen, „an einer Stelle zu sitzen, wo der Mord vielleicht mehr als einmal an einem harmlosen Schläfer sein fürchterliches Geschäft verrichtete, während unten wahrscheinlich das Messer geschliffen wird, das uns in der nächsten Stunde die eigene Brust durchbohren soll. Ging nicht die Haustür?“
„Offenbar“, entgegnete Otto, gespannt aufhorchend, „auch höre ich ein Geräusch wie von verhaltnen Fußtritten; die Helfershelfer stellen sich ein!“
„Mir lieb“, sagte Adolph und sprang rasch auf, „ich mag auf nichts warten, und am wenigsten auf den Tod!“
„Wir sind unsrer zwei“, versetzte Otto, „und sie sollen erst die Leiter hinauf. Ich denke, alles geht noch gut. Freilich, gegen Schießgewehr ... Die Leiter knarrt, sie kommen; auf, ihnen entgegen!“
Mit schnellem Ruck schob Otto den Riegel der Tür zurück und wollte hinaustreten. Der Hund fletschte grimmig die Zähne und trieb ihn wieder hinein. Da ertönte die Stimme des Jägers. „Pfui, Harras“ rief er hämisch, „lass die Herren; wenn sie deinen Schutz zurückweisen, so dränge du ihn nicht auf!“ Der Hund ließ die Ohren hängen und schlich gehorsam auf die Seite, Adolph ergriff die Lampe und trat an die Leiter.
„Noch nicht eingeschlafen?“ fragte der Jäger.
„Was wollt Ihr noch?“ entgegnete Adolph.
„Ja, was nur gleich?“ versetzte, anscheinend verlegen, der Jäger, „irgend etwas war's doch!“
„Ihr seid mir verdächtig!“ rief Adolph, und sein Gesicht sprühte Flammen.
„Dann sind Sie wohl irgendwo Amtmann?“ erwiderte der Jäger, „die Herren Amtleute können meine Nase nicht ausstehen; sie sagen, sie sei schief; finden Sie's auch?“
Kerl!“ rief Adolph, trat so weit vor, als er konnte, und setzte die Lampe auf den Boden.
„Kein Schimpfwort!“ versetzte der Jäger heftig, „ich glaube es Ihnen auch so, dass Sie von dem Holz sind, aus dem man Geheimräte schnitzt. Aber“, fuhr er, den alten Ton wieder annehmend, fort, „schieben Sie die Lampe etwas weiter weg, ich habe Husten, und wenn ich die Flamme aushustete, so wäre es so schlimm, als hätte ich sie ausgeblasen. Sie sehen mich, wie es scheint, nicht gern oben? Nun, dann tun Sie mir den Gefallen und füllen Sie mir dies Maß aus der Kiste, die neben dem Schornstein steht, mit Hafer für meinen kranken Gaul. Ei, da haben Sie ja ein Beil? Wenn Sie das in der Tasche als Waffe bei sich führten, so muss sie geräumig sein.“
Otto tat an Adolphs Statt, was der Jäger begehrte. Er zog sich hierauf zurück, die Freunde gingen wieder in die Kammer, auch der Hund nahm seinen alten Platz aufs Neue ein.
„Eine wunderliche Nacht!“ sagte Otto zu Adolph, „am Ende ist der Gauner doch allein im Hause, die Spießgesellen sind ausgeblieben, und er leistet, da die Überrumpelung ihm misslang, auf die Ausführung des Bubenstücks Verzicht.“
„Möglich“, erwiderte Adolph und sah nach seiner Uhr, „aber noch ist's früh.“ Ein Schuss fiel. Gleich darauf entstand ein sonderbares Geräusch vor dem Dachfenster.
„Wer da?“ rief Adolph und leuchtete mit der Lampe hin. Er brach in ein lautes Lachen aus, denn er erblickte das philisterhaft-vernünftige Gesicht eines Katers, der, wahrscheinlich durch den Schuss erschreckt und vom Licht angezogen, emporgekrochen war und ihn anfangs, von dem hellen Schein der ihm so nahgebrachten Lampe geblendet, unter possierlichen Gebärden anstierte, dann davonsprang. Bald hernach hörten sie unten einen schweren Fall, wie von einem lebendigen Körper, den plötzlich ein Messerstich hinwirft. Dröhnende Schritte ließen sich vernehmen, dazwischen die näselnde Stimme des alten Weibes.
„Wie steht's?“ fragte sie.
„Tot!“ antwortete der Jäger dumpf und stieß einen Fluch aus.
„Jesus Christus!“ rief die Alte rauh und gellend. Es wurde wieder still. Die Freunde wussten nicht, was sie aus dem Vorgang machen sollten.

Sie setzten sich aufs Bett. Jeder hing seinen Gedanken nach. Endlich verfielen sie, da alles stumm und lautlos blieb, in einen unruhigen Schlummer. In diesem Zustand halben Wachens und halben Träumens kam es Otto zuletzt vor als ob er die Lampe erlöschen sähe. Hastig fuhr er auf, glaubt; sich aber getäuscht zu haben, da er das von der Lampe verbreitete Dämmerlicht noch fortdauern sah. Da bemerkte er mit unaussprechlicher Freude, dass die Morgensonne rot und golden ins Fenster schien, und weckte den finster aussehenden schlafenden Freund, der, das Beil noch fest umklammernd: auf die Streu zurückgesunken war.
„Was gibt's?“ rief Adolph und sprang auf.
„Sieh, sieh!“ sagte Otto und führte ihn zum Fenster.
„Gelobt sei Gott!“ sprach Adolph, „ich hatte einen hässlichen Traum. Ich glaubte, schon in Italien zu sein, und ging durch einen Wald. Da sprang ein Trupp zerlumpter Gesellen aus dichtem Gebüsch hervor und drang unter wildem Geschrei zu Raub und Mord auf mich ein. Ich, in der Todesgefahr, rufe: ,Hackt denn eine Krähe der andern die Augen aus? Ich bin Euresgleichen, seht hier den Beweis!' Dabei zieh' ich den kleinen, biegsamen Dolch, den ich, wie du weißt, auf der Frankfurter Messe von einem jüdischen Trödler gekauft habe. Die Räuber schenken meiner Rede keinen Glauben und lachen mich aus. Nun kommt plötzlich auf stattlichem Ross ein zweiter Reisender daher, und einer aus dem Trupp tritt vor mich hin und spricht: ,Du bist, was wir sind? Gut, wir nehmen dich unter uns auf, nun geh und mach an jenem dort dein Probestück!' In dem Augenblicke wecktest du mich, und jetzt erinnere ich mich, dass dies die alberne Geschichte ist, die mein verstorbener Oheim so oft, als ihm begegnet, erzählte, und die ich niemals glaubte, weil die Frage nach dem Ausgang des verwickelten Handels ihn immer in Verwirrung brachte.“
„Wir wollen diese Nacht und ihre Träume vergessen“, sagte Otto „und uns dem vollen, frischen Gefühl des Lebens hingeben, ohne Maß, wie einem Rausch! Zum erstenmal dürfen wir es als ein, wenn nicht erworbenes, so doch durch Wachsamkeit und Vorsorge erhaltenes kostbares Gut betrachten, nicht mehr als bloßes Geschenk!“

Adolph drückte ihm warm und kräftig die Hand. Jetzt erscholl die Stimme der Alten, die mit Andacht ihr Morgenlied absang. Deutlich vernahm man die fromme GelIertsche - Strophe:
‚Wach auf, mein Herz, und singe,
Dem Schöpfer aller Dinge,
Dem Geber aller Güter,
Dem treuen Menschenhüter!

Unwillkürlich stimmten die Freunde mit ein und stiegen die Leiter hinunter. Am Fuß derselben trat ihnen, freundlich grüßend, der Jäger entgegen. Sein Gesicht kam ihnen bei weitem nicht mehr so unangenehm vor wie am Abend vorher und in der Nacht. Sie waren schon geneigt, ihm in ihrem Herzen Abbitte zu tun, da bemerkten sie aufs Neue jenen boshaften Zug um den Mund und jenes verdächtige Lächeln, und der Mensch wurde ihnen widerlicher wie je. Er entschuldigte sich dass er sie noch spät habe stören müssen.
„Freilich“, setzte er hinzu, „konnte ich nicht wissen, dass Sie mit offenen Augen schliefen, wie die Hasen, und mich, so leise ich auftrat, hören würden.“

Dann führte er sie in das Wohnzimmer, wo die Alte bereits mit Bereitung eines Kaffees beschäftigt war, dessen aromatischer Duft ihnen kräftig und stärkend entgegendrang. Schweigend, wie sie es der Klugheit gemäß erachten mussten, genossen sie diesen. Hierauf erkundigten sie sich bei dem Jäger, der seinen Hund wusch und kämmte, nach ihrer Schuldigkeit. Lakonisch und ohne aufzusehen versetzte er, er habe sich schon bezahlt gemacht.
„Fehlt dir etwas von deinen Sachen?“ fragte Adolph, der sich nicht länger halten konnte, seinen Freund mit Spott. Als Otto dies verneinte, sagte er zu dem Jäger: „Auch ich habe das meinige beisammen, darum nennt die Zeche!“
„Meine Herren!“, rief der Jäger und leerte, an den Tisch tretend, ein Glas Bier, „ich will nicht länger Versteckens mit Ihnen spielen. Sie lagen die Nacht hindurch auf der Folter, und die Folter hat man umsonst!“
„Eine Aufrichtigkeit sondergleichen!“ versetzte Adolph und sah Otto an.
„Nicht wahr“, fuhr der Jäger fort, „ich irrte mich nicht? Ich bin in Ihren Augen, was der Blutmann in den Augen der Kinder ist?“
„Ganz recht, mein Freund“, sagte Adolph und klopfte ihm mit unterdrücktem Grimm auf die Schulter, „Ihr seid der rechte Sohn Eures Vaters!“
„Das versteh' ich nicht“, entgegnete der Jäger und erglühte über und über, „aber dies versprech' ich mir, nicht ohne Schamröte sollen Sie mein schlechtes Haus verlassen. Sehen Sie die alte Frau dort, die Ihnen gestern abend Brot und Bier brachte und heute morgen den Kaffee? Es ist meine Mutter! Sie hat keine Zähne mehr; auch von den Ihrigen werden Sie zweiunddreißig vermissen, wenn Sie einmal siebzig Jahre zählen. Sie ist einäugig, aber nur, weil die Hand eines bösen Buben ihr das linke Auge ausschlug, als sie in ihrer einsamen Hütte überfallen wurde und ihres Mannes sauer verdienten Sparpfennig nicht gutwillig hergeben wollte. Und nun hören Sie. Ich stand gestern abend schon hinter Ihnen, als Sie, ins Fenster schauend, meine arme Wohnung betrachteten, und wollte Sie eben, zuvorkommend, wie es sich geziemt, zum gastlichen Eintritt einladen, da begannen Sie Ihre schnöden Bemerkungen über meine Mutter, die mich um so mehr verdrossen, je besser ich es mit Ihnen im Sinne gehabt hatte. Hitzig, wie ich bin, hätte ich auf der Stelle, verzeihen Sie, dass ich es sage, mit meinem derben Eichenstock dreinschlagen mögen, aber ich ließ den bereits erhobenen Arm wieder sinken, denn mir kam der Gedanke einer gründlicheren Rache; ich nahm mir vor, Sie zur Strafe für Ihren ungerechten Verdacht in der Fantasie alles Schreckliche durchempfinden zu lassen, das Sie in Wirklichkeit bei mir getroffen hätten, wenn ich gewesen wäre, wofür Sie mich halten zu dürfen glaubten. So trat ich denn mit meiner Einladung zu Ihnen heran, suchte Sie aber, sobald ich Sie im Bereich meiner vier Pfähle sah, durch Zweideutigkeiten aller Art zu den schlimmsten Vermutungen aufzuregen, und konnte dies um so eher die halbe Nacht hindurch fortsetzen, als mich ohnehin die Pflege meines kranken Gauls, der leider um ein Uhr tot hinfiel, nicht ans Bett denken ließ.“
„Also war es“, unterbrach Otto den Jäger, „der Tod des Gauls, den Ihr Eurer Mutter auf ihre Frage, wie's stünde, verkündetet?“
„Auch das haben Sie gehört?“ versetzte jener. „Nun, der Zufall hat mir besser gedient, als ich ahnen konnte! Wahrlich, daran dachte ich nicht, aller Mutwille verging mir, als ich das schöne treue Tier, das ich erst vor wenigen Wochen um teuren Preis erstand, zusammenbrechen und die vier Füße von sich strecken sah, ich schüttete den Hafer über den toten Körper aus und warf das Maß an die Wand, dass es zerbrach!“
Seid Ihr“, fragte Adolph, nicht der Sohn des ...?“ Er nannte den Namen des schon erwähnten berüchtigten Mörders, den er mit eigenen Augen hatte köpfen sehen.
„Heiliger Gott, nein“, erwiderte der Jäger entsetzt, „wie kommen Sie zu einer solchen Frage?“
„Ein alter Kalender“, warf Otto ein, „den wir oben fanden, veranlasste diesen Irrtum, der uns in der Nacht mit Grauen erfüllte, und ohne den Euer Plan gewiss nicht so gut geglückt wäre.“
Was in der Kammer alles liegen mag“, versetzte der Jäger, weiß ich nicht; ich habe mich noch nicht darum kümmern können, denn ich bin erst seit kurzem im hiesigen Revier angestellt und habe bis auf weiteres in dieser Mordhöhle, die nächstens eingerissen und an deren Stelle ein ordentliches Haus aufgeführt werden soll, Quartier nehmen müssen.“
„Ihr seid ein braver Mann“, rief Adolph aus und legte seine Börse auf den Tisch, nehmt das als Beisteuer zu einem neuen Gaul!“
Otto wollte in studentischer Unbekümmertheit um den nächsten Tag dasselbe tun, doch der Jäger schob das Geld zurück und sagte: „Ich nehme keinen Pfennig; es ist genug, wenn wir uns gegenseitig vergeben!“

Teil 1

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