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Eine Nacht im Garten PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Sturm   
Ein Märchen in Gedichtform aus dem deutschen Kunst- und Kulturerbe des 19. Jahrhunderts


Sturm - Julius

Eine Nacht im Garten

   
Sturm

Julius Sturm war ein naturverbundener Dichter und Pfarrer aus Bad Köstritz 

Im Garten saß ich unterm Lindenbaum;
Es blickte durch des Baumes grüne Zweige
Von seiner Höh' herab der Mond, der bleiche,
Erleuchtend schwach des Gartens nächt'gen Raum.

Schon hatte sich der kühle Tau ergossen
Und glänzte hell mit Diamantenschein;
Die Blüten schlürften ihn begierig ein:
Weit hielt die Lilie ihren Kelch erschlossen.

Nicht fern der träumerischen Lilie stand
Der Blumen Königin, die stolze Rose;
Tautropfen perlten hell in ihrem Schoße,
Leuchtkäfer spielten auf der Blätter Rand.

Da plötzlich sah ich leis den Rasen beben.
Ein Hügel wölbt sich, meinem Sitz nicht fern;
Und als des Hügels wunderbarer Kern
Erblickt ich einen Ritter sich erheben.

Ich wollt', ihr hättet die Gestalt gesehn.
Das weiße Rösslein samt dem kleinen Manne
War höher nicht, als eine tücht'ge Spanne,
Doch Ross und Reiter waren zaubrisch schön.

Der Kleine war in pures Gold gekleidet.
An seiner Rüstung sah im Mondenschein
Ich blitzen solches edele Gestein,
Dass selbst ein Kaiser ihn darum beneidet.

Es war geschlossen seines Helms Visier,
Es prangte stolz an seiner linken Seite
Des goldenen Säbels diamantne Scheide.
Gleich ihm war auch das Rösslein reich an Zier.

Zwei Perlenschnüre bildeten die Zügel,
Aus echtem Silber war der Sattel ganz,
Saphire strahlten dran mit hellem Glanz,
Und aus Rubin geschliffen war der Bügel.

Es spornte jetzt sein Ross der kleine Mann,
Er wusste seine Zügel gut zu führen,
Er ließ sein Rösslein mutig courbettieren
Und vor der Rose hielt er's plötzlich an.

Dann ließ er's zierlich in die Höhe steigen,
Als wie zum Gruß, wohl dreimal oder vier,
Und öffnete sodann des Helms Visier
Und tat sich vor der Rose tief verneigen.

Er sprach: „Mich schickt hierauf aus seinem Reich
Der Gnomen König, Riduwin der Große,
Und grüßt durch mich die königliche Rose,
Der keine Königin an Schönheit gleicht.

Er hat in stiller mitternächt'ger Stunde
Im Zauberspiegel einst dein Bild gesehn;
Er konnte nicht der Liebe widerstehn,
Es schlug dein Blick ihm eine tiefe Wunde.

Seit kümmert ihn sein schönes Reich nicht mehr,
Du bist sein liebster, einziger Gedanke,
Durch öde Säle schleicht der Liebeskranke
Mit mattem Schritte trüb und still daher.

Es ist, als drückte ihn die goldne Krone,
Die Freude hat in seiner Brust nicht Raum,
Versunken sitzt er stets in seinem Traum,
Der Sehnsucht bleiches Abbild, auf dem Throne.

Da hat er endlich mich zu dir gesandt;
Des Königs Heil liegt ganz in deinen Händen,
Du nur kannst unsers Herrschers Qualen enden,
0, reiche unserm König deine Hand!

Es harret dein das schönste aller Lose,
Es steht bereit für dich dein goldner Thron,
Es liegt bereit die diamantne Kron',
Lass dich erbitten, königliche Rose.

Es ist gar schön in unsers Königs Reich,
Stets prangt bei uns an dem saphirnen Himmel
Der goldnen Sternlein lustiges Gewimmel,
Und immer ist die Jahreszeit sich gleich.

Beständig grün sind die smaragdnen Auen,
Die Blumen sind aus edelem Gestein
Und nie erbleichet ihrer Farben Schein;
Des Todes Macht reicht nicht in unsre Gauen.

Aus hellem Bergkristall ist dein Palast,
Und tausend Jungfraun sollen dich bedienen
Und jeden Wunsch erlauschen deinen Mienen
Und ihn erfüllen mit der größten Hast.

Es schlagen dir entgegen treue Herzen,
Auf dich, o Fürstin, hofft das ganze Land;
Komm! reiche unserm König deine Hand
Und heile ihn von seinen Liebesschmerzen“.

Der Kleine sprach's mit Untertänigkeit,
Da zitterten die Blätter an der Rose,
Ein neues Wunder! Aus dem duft'gen Schoße
Erhob das schöne Haupt sich einer Maid.

O, könnt ich ihrer Anmut Reiz euch schildern,
Die goldnen Locken und des Auges Licht,
Des Mundes Lächeln, - doch ich kann es nicht,
Denn meine Sprache ist zu arm an Bildern.

Sie neigte leicht das perlgeschmückte Haupt
Und sprach: „Mich dauern deines Königs Schmerzen
Und dass, wie du verkündest, seinem Herzen
Ich ohne Schuld die süße Ruh geraubt.

Doch kann ich nimmermehr die Seine werden,
Mich locket nicht des Reichtums tote Pracht;
Sein Reich liegt unten in der ew'gen Nacht,
Erleuchtet von der Sonne mein's auf Erden.

Es würde zeitig meiner Wange Rot
In euern kalten, sonnenleeren Reichen
Trotz eurer Edelsteine Glanz erbleichen.
Es drohte mir bei euch ein früher Tod.

Zufrieden bin ich ganz mit meinem Lose;
Auch fesselt mich schon längst ein andres Band
Und fremd ist meinem Herzen Unbestand.
Der Nachtigall allein gehört die Rose.

Hörst du den Ton? Mein Bräutigam ist nicht fern,
Der Liebe süße Stunde ist gekommen.
Du hast die Antwort nun von mir vernommen,
Grüß' schönstens deinen königlichen Herrn“.

Sie sprach's und in der Blätter duft'gem Schoße
Verschwand die schöne, blondgelockte Maid.
Der Kleine aber schwor mit schwerem Eid
In seines Königs Namen Tod der Rose.

Darauf schloss er zornig seines Helms Visier
Und spornt sein Ross mit wütender Gebärde.
Es stampft mit dem Hufe wild die Erde
Und bäumte dreimal sich, das schöne Tier.

Und als es dreimal wiehernd sich gebäumet,
Tat plötzlich sich vor ihm die Erde auf,
Es schoss hinab im raschen, jähen Lauf.
Mir aber war, als hätt' ich nur geträumet.

Und wie ein Träumer wankte ich nach Haus,
Den andern Morgen konnt ich kaum erwarten;
Es trieb mich mächtig in den Blumengarten
Und in der „frühsten Früh“ eilt ich nach Haus.

Und ach! Zerstreut umher am Boden lagen
Bleich und verwelkt der Rose Blätter alt,
Und trauernd hörte ich die Nachtigall
Herab vom grünen Lindenbaume klagen.

So hielt der Kleine tückisch seinen Eid,
Doch ist er nicht zu seinem Zweck gekommen,
Denn, wie ich jüngst zu meinem Trost vernommen,
Zerriss er nur der Königin das Kleid.

 

 
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