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Ein grünes Blatt E-Mail
 


Theodor Storm

Ein grünes Blatt

 

Seite 1 

storm theodor


Es war ein altes Buch, eine Art Album; aber lang und schmal wie ein Gebetbuch, mit groben, gelben Blättern. Er hatte es während seiner Schülerzeit in einer kleinen Stadt vom Buchbinder anfertigen lassen und später überall mit sich umhergeschleppt. Verse und Lebensannalen wechselten miteinander, wie sie durch äußere oder innere Veranlassung entstanden waren. In den letzteren pflegte er sich selbst als dritte Person aufzuführen; vielleicht um bei gewissenhafter Schilderung das Ich nicht zu verletzen; vielleicht - so schien es mir - weil er das Bedürfnis hatte, durch seine Fantasie die Lücken des Erlebnisses auszufüllen. Es waren meistens unbedeutende
Geschichtchen oder eigentlich gar keine; ein Gang durch die Mondnacht, eine Mittagsstunde in dem Garten seiner Eltern waren oftmals der ganze Inhalt; in den Versen musste man über manche Härte und über manchen falschen Reim hinweg. Dennoch, weil ich ihn liebte, und da er es mir erlaubt hatte, las ich gern in diesen Blättern.
Auch hierher ins Feldlager hatte er das Buch im Ranzen mitgeführt; im nächtlichen Gefecht hatte es ihn begleitet, es hatte den Krieg mitgemacht; die letzten Seiten waren mit Zeichnungen von Schanzen und Fortifikationen angefüllt. Unsere Kompanie war auf Vorposten gewesen; jetzt lagen wir wieder in unserer Hütte. Sie war dicht und trocken; der draußen fallende Regen drang nicht herein.
Er hatte sein Putzzeug hervorgenommen und säuberte den Rost von unseren Büchsen; ich saß auf meinem Ranzen und studierte seine sämtlichen Werke, jenes seltsam geformte Tagebuch, das zugleich unsere ganze Feldbibliothek ausmachte.
Und wie ich, so oft ich auch darin geblättert, doch jedesmal etwas gefunden, was ich zuvor übersehen hatte, so wurden jetzt zum erstenmal meine Augen durch ein eingelegtes Buchenblatt gefesselt. Daneben stand geschrieben:

Ein Blatt aus sommerlichen Tagen,
ich nahm es so beim Wandern mit,
auf dass es einst mir könne sagen,
wie laut die Nachtigall geschlagen,
wie grün der Wald, den ich durchschritt.

„Das Blatt ist braun geworden“, sagte ich. Er schüttelte den Kopf. „Lies nur die andere Seite.“ Ich wandte um und las:
Es mochte ein Student sein; vieIIeicht ein junger Doktor der auf dem schmalen Fußsteig über die Heide ging. Die Kugelbüchse, welche er am ledernen Riemen über der Schulter trug, schien ihm schwer zu werden; denn je zuweilen im Weiterschreiten
nahm er sie in die Hand oder hängte sie von einer Schulter auf die andere. Seine Mütze hatte er abgenommen; die Nachmittagssonne glühte in seinen Haaren. Um ihn her war alles Getier lebendig, was auf der Heide die Junischwüle auszubrüten pflegt; das rannte zu seinen Füßen und arbeitete sich durchs Gestäude, das blendete und schwärmte ihm vor den Augen und begleitete ihn auf Schritt und Tritt. Die Heide blühte, die Luft war durchwürzt von Wohlgerüchen.
Nun stand der Wanderer still und blickte über die Steppe, wie sie sich endlos nach aIIen Richtungen hinauszog; starr, einförmig, mit rotem Schimmer ganz bedeckt. Nur vor sich in nicht  gar weiter Ferne sah er einen Waldzug, an dessen Ende ein Faden weißen Rauches in die klare Luft hinaufstieg. Das war aIIes.
In seiner Nähe, zur Seite des Steiges, lag ein niedriger Hügel, voII Brombeerranken und wilder Rosenbüsche, ein Grabmal unbekannten Volkes, wie hier viele sind. Er stieg hinauf und übersah auch von diesem höheren Standpunkt noch einmal die unermessliche Fläche; aber er gewahrte nichts als nur am Saume des Waldes eine einsame Kate, aus deren Dach der Rauch emporquoII, den er zuvor gesehen hatte. Er riss ein Büschel Heide aus dem harten Boden und senkte sein Auge in den feinen Stern der Blüte; dann nahm er seine Büchse herunter und streckte sich in die warmen Kräuter, den Kopf in die Hand gestützt, die Blicke vor sich hinsendend bis
seine Gedanken in der heißen, zitternden Luft zergingen.
Und wie nun so auch der Hall des eigenen Schrittes, der bisher mit ihm gewandelt, aufgehört hatte und er nichts vernahm als die Heide entlang das Zirpen der Heuschrecken und das Summen der Bienen, welche an den Kelchen hingen, mitunter in unsichtbarer Höhe über sich den Gesang der Heidelerche, da überkam ihn unbezwingliche Sommermüdigkeit. Die Schmetterlinge, die blauen Argusfalter gaukelten auf und ab, dazwischen schossen rosenrote Streifen vom Himmel zu ihm hernieder; der Duft der Eriken legte sich wie eine zarte Wolke über seine Augen.
Der Sommerwind kam über die Heide und weckte eine Kreuzotter, die sich nicht weit davon im Staube sonnte. Sie löste ihre Spirale und glitt über den harten Boden; das Kraut rauschte, als sie den schuppigen Leib hindurchzog. Der Schlafende wandte den Kopf, und halb erwachend sah er in das kleine Auge der Schlange, die neben seinem Kopf hinkroch. Er woIIte die Hand erheben, aber er vermochte es nicht; das Auge des Gewürms ließ nicht von ihm. So lag er zwischen Traum und Wachen. Nur wie durch einen Schleier sah er endlich die Gestalt eines Mädchens auf sich zukommen, kindlich fast, doch kräftigen Baues, das Haar in dicken, blonden Zöpfen. Sie bog die Ranken zur Seite und setzte sich neben ihm auf den Boden. Das Auge der Schlange ließ ihn los und verschwand; er sah nichts mehr. Dann kam der Traum. Da war er wieder der Hans im Märchen, wie er oft es als Knabe gewesen war, und lag im Grase vor der Schlangenhöhle, um die verzauberte Prinzessin zu erlösen. Die Schlange kam heraus und rief:
Aschegraue Wängelein,
weh dem armen Schlängelein!

Da küsste er die Schlange, und da war's geschehen. Die schöne Prinzessin hielt ihn in ihren Armen, und - wunderlich war es – sie trug ihr Haar in zwei aschblonden Zöpfen und ein Mieder wie eine Bauerndirne.
Das Mädchen hatte ihre Hände um die Knie gefaltet und sah unbeweglich über die Heide hinaus. Nur das heimliche Rauschen und Wimmeln in der unendlichen Pflanzendecke, hier und da ein Vogelruf aus der Luft oder unten vom Moor herauf, dazwischen das Atmen des Schlafenden, sonst kein Laut. So verging eine Spanne Zeit. Endlich neigte sie sich über ihn; die langen Flechten fielen auf seine Wangen. Er schlug die Augen auf; und wie er so das junge Antlitz über dem seinen schweben sah, da sagte er noch halb im Traume:
„Prinzessin, was hast du für blaue Augen!“
„Ganz blaue!“ sagte sie, „die sind von meiner Mutter!“
„Von deiner Mutter? - Hast du denn eine Mutter!“
„Du bist nicht klug!“ sagte das Mädchen, indem sie aufsprang. „Sie hat vor vier Wochen den Vogt geheiratet. Seitdem bin ich beim Großvater.“
Nun wurde er völlig wach. „Ich bin irregegangen“, sagte er, „in der eigenen Heimat. Du musst mir auf den Weg helfen, du - wie heißt du denn?“
„Regine!“ sagte sie.
„Regine ... und ich heiße Gabriel!“
Sie sah ihn groß an.
„Nein, nicht der Engel Gabriel!“
„Lache nur nicht!“ sagte sie, „den kenne ich besser als dich!“
„Der Tausend. So bist du wohl des Schulmeisters Enkelkind?“
Sie sagte: „Mein Vater war Schulmeister, er ist im vorigen Frühjahr gestorben.“
Beide schwiegen einen Augenblick; dann stand Gabriel auf und bedeutete ihr, wie er noch bis zum nächsten Morgen jenseits der Fähre in der Stadt sein müsse. Sie zeigte mit der Hand nach dem Wald. „Dort wohnt mein Großvater“, sagte sie „du kannst erst Vesper mit uns essen; nachher weise ich dir den Weg.“ Als Gabriel des zufrieden war, trat sie von dem schmalen Fußpfad auf die Heide hinüber und schlug die Richtung nach dem Walde ein. Die Blicke des jungen Mannes folgten unwillkürlich ihren Füßen, wie sie behend und sicher über die harten Stauden dahinschritten, während bei jedem Tritt die Grillen vor ihr aufflogen. So gingen sie mitten durch den Sonnenschein, der wie ein Goldnetz über den Spitzen der Kräuter hing; mitunter rieselte ein warmer Hauch über die Steppe und erregte den Duft der Blüten um Sie her. Schon hörten sie dann und wann im Walde das Rufen der Buchfinken und in den Wipfeln der hohen Buchen das scheue Flattern der Waldtauben. Gabriel aber, des Reisezieles gedenkend, hub an zu singen:
Es liegen Wald und Heide
im stillen Sonnenschein.
Wir hätten gerne Frieden;
doch ist es nicht beschieden,
gestritten soll es sein.
Nun gilt es zu marschieren
in festem Schritt und Tritt;
der Krieg ist losgelassen,
er schreiet durch die Gassen,
er nimmt uns alle mit!
So leb denn wohl, lieb' Mutter!
Die Trommel ruft ins Glied.
Mir aber in Herzensgrunde
erklingt zu dieser Stunde
ein deutsches Wiegenlied.
„Krieg?“ sagte Regine, indem sie stehenblieb und sich nach dem Sänger umwandte.
Gabriel nickte.
„Sprich nicht davon zum Großvater“, sagte sie, „er glaubt doch nicht daran.“
„Und du?“ fragte GabrieI. „Was glaubst du selber denn?“
„Ich? - Was geht uns Dirnen der Krieg an!“
Der junge Mann sagte nichts darauf, und beide setzten schweigend ihre Wanderung fort. Aus der formlosen Masse des Waldes trat nun das Laub der Buchen und Eichbäume in scharfen Umrissen hervor, und bald gingen sie im Schatten des Geheges entlang, bis sie das Ende desselben erreicht hatten. Hier, wo auch die Heide aufhörte, stand im Schein der Nachmittagssonne eine kleine Kätnerwohnung. Eine Katze, die sich auf dem niedrigen Strohdache gesonnt hatte, sprang bei ihrer Ankunft auf den Boden und strich spinnend um die halbgeöffnete Haustür. Sie traten in eine schmale Vordiele, welche an den Wänden hin mit leeren Bienenkörben und mancherlei Gartengerät ganz besetzt war. Zu Ende derselben klinkte Regine eine Tür auf, und Gabriel sah über ihre Schulter in das kleine Zimmer; aber es war nichts drinnen als einsamer Sonnenschein, der an den Messingknöpfen des Ofens spielte, und der Pendelschlag einer alten Schwarzwälder Wanduhr.


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