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Suche nach Schlagwort : Tschechow, Kurzerzählungen, Novellen, Dramen, Theophrast, Pfennigfuchser


Ein grünes Blatt 3 E-Mail
 


Theodor Storm

Ein grünes Blatt

 

Seite3 

storm theodor


„Regine“, sagte er laut, „wenn ich nun wiederkäme!“
Sie wandte rasch den Kopf zu ihm empor, und er sah bei der Dämmerung in ihre großen, glänzenden Augen.
Dann hörten sie die Schritte des alten Mannes auf dem Gartensteig, und Gabriel trat ihm entgegen, um ihm zu danken und zu sagen, dass er gehen wolle. Als aber dieser ihm noch einmal den nun einzuschlagenden Richtweg bedeuten wollte, stand Regine auf und sagte ruhig: „Lasst nur, Großvater, ich gehe mit zur Fähre.“
Der Großvater nickte und reichte Gabriel die Hand; dann aber, Ihn noch einmal an der Kugelbüchse zurückhaltend, auf die er schon in der Kammer unterweilen einen scharfen Blick geworfen hatte, sagte er mit schlauem Lächeln: „Wir sehen uns noch wieder, junger Herr; Sie kommen schon zurück  - morgen oder übermorgen.“ - Darauf trat er unter die Haustür und Gabriel folgte Reginen durch den Garten. Als sie auf die Wiese hinausgekommen waren, schien ihnen der Mond ins Angesicht. Am Immenhofe führte der Pfad vorüber; aber es war still geworden darinnen; nur ein Nachtschmetterling flog surrend über das schlafende Königreich der Bienen. Kaum einige tausend Schritt vor ihnen lag der Wald mit seiner schwarzen, geheimnisvollen Masse. Als sie die feuchten Schatten erreicht hatten, welche weithin über die Wiesen fielen, konnte Gabriel eine kurze Leiter aus Fichtenstämmen erkennen, welche zwischen dichten Gebüschen in das höher gelegene Gehege hinaufführte. Sie bogen das Gezweig beiseite und traten von der Leiter in das Innere des Waldes. Ein Fußpfad, jetzt kaum erkennbar in der Dämmerung, führte sie seitwärts hart am Waldessaum entlang, so dass sie zwischen den einzelnen Bäumen und Gebüschen auf die draußen im Mondschein liegenden Wiesen hinaus sehen konnten. Regine ging voran. Das Mondlicht spielte zwischen den Zweigen herein und hing sich wie Tropfen an die dunklen Blätter; mitunter streifte ein voller Strahl den blonden Mädchenkopf, der dann auf einen Augenblick klar aus dem Dunkel hervortrat, um sogleich wieder darin zu verschwinden. Gabriel ging schweigend hinter ihr her; er hörte nichts als das Rauschen ihrer Füße in dem überjährigen Laub und das Arbeiten der Käfer in den Baumrinden; kein Luftzug; nur das feine, elektrische Knistern in den Blättern rührte sich kaum hörbar. Nach einer Weile kam aus dem Dunkel des Waldes etwas angerannt und trabte ihnen zur Seite. Gabriel sah zwei Augen in seiner Nähe blitzen. „Was ist das?“ fragte er.
Ein Rehkalb sprang in den Weg. „Das ist mein Kamerad!“ rief das Mädchen; dann lief sie pfeilschnell auf dem Steige fort; das Tier hinter ihr drein.
Gabriel blieb zurück und lehnte sich an einen Baum; er hörte es zwischen den Büschen rauschen; er hörte das Mädchen in die Hände klatschen, dann alles in der Ferne verschwinden. Es wurde still um ihn her; nur die geheimnisvolle Musik der Sommernacht wurde wieder seinem Ohr vernehmbarer. Er hielt den Atem an, er lauschte, er horchte den tausend feinen Stimmen, wie sie auftauchten und wieder hinschwanden; bald in unbegreiflicher Ferne, dann zum Erschrecken nahe; unbegreifbar leise, verhallend und immer wieder erwachend; er wusste nicht, waren es die Quellen, die durch den Wald zu den Wiesen hinabliefen, oder war es die Nacht selbst, die so melodisch rann. Der Morgen, an dem er das Haus verlassen
hatte, der Abschied von seiner Mutter lag hinter ihm wie eine längst vergangene Zeit.
Endlich kam das Mädchen zurück. Sie legte die Hand auf seine Büchse. „Es ist so zahm“, sagte sie, „wir rennen oft zusammen!“
Das Klirren des Gehenkes weckte ihn. „Komm nur“, sagte er, „und weise mir den Weg!“ Sie schwieg einen Augenblick; dann, dem Gast gehorsam, bog sie von dem Steige, auf dem sie bisher gewandert waren, quer in den Wald hinein. Jeder betretene Pfad hörte hier auf; Baumwurzeln krochen am Boden hin und fingen den Fuß des Wanderers; niederhängende Zweige schlugen ihm ins Gesicht oder zupften ihn an der Büchse; es wurde so finster, dass er die Gestalt des Mädchens, welche waldkundig und unversehrt durch die Zweige schlüpfte, nicht mehr erkennen konnte. Nur manchmal, wenn er, plötzlich von unsichtbaren Dornen geritzt, einen ungeduldigen Ausruf nicht zu unterdrücken vermochte, hörte er vor sich ihr schadenfrohes Gelächter. Endlich aber harrte sie seiner und reichte ihm schweigend die Hand zurück. So gingen sie weiter weiter. Ein Plätschern scholl aus der Ferne; Gabriel lauschte. „Es ist das Fährboot“, sagte sie, „dort unten liegt die Bucht.“ Bald konnte er deutlich das Geräusch von Ruderschlägen unterscheiden; dann traten die Bäume plötzlich auseinander, und sie sahen frei ins Land hinaus, das in den sanften Umrissen der Mondbeleuchtung zu ihren Füßen lag. Die .Wiesen waren ganz von silbergrauem Tau bedeckt; darüber lief der Fußpfad wie ein dunkler Strich zur Bucht hinab. Die Brücke des Mondspiegels streckte sich zitternd über das Wasser; das
Fährboot, von der andern Seite kommend, trat eben wie ein Schatten in den hellen Schein. Gabriel blickte nach dem jenseitigen Ufer hinab; aber er sah nur Duft. und Dämmerung.
„Nicht weiter“, sagte das Mädchen und zog ihre Hand aus der seinen; „hier über die Wiesen geht der Weg zur Fähre; du kannst nicht fehlen.“
Sie selber standen noch im Schatten; aber bei der Fülle des Lichtes, die draußen wehte, konnte er ihre ganze Gestalt erkennen und jedes Regen ihrer Gliedmaßen. Sie hatte im Laufen ihre Flechten aufgebunden, die nun wie ein Kranz auf ihrem Scheitel lagen. Sie erschien ihm auf einmal so stolz und jungfräulich; er konnte die Augen nicht von ihr lassen, als sie in den Mondschein hinauswies und ihm die Wege zeigte, die er gehen sollte.
„So leb denn wohl, Regine!“ sagte er und reichte ihr die Hand.
Aber sie trat vor ihm zurück und sagte zögernd: „Sag mir noch eines ... weshalb musst du in den Krieg?“
„Weißt du es nicht, Regine?“
Sie schüttelte den Kopf. „Großvater spricht nicht davon“, sagte sie und sah wie ein Kind an ihm herauf.
Er verlor sich stumm in ihren Augen; eine Nachtigall schlug plötzlich neben ihnen aus den Büschen, die Blätter säuselten. Sie stand ihm gegenüber, ohne Regung, kaum belebt von lindem Atmen; nur in ihren Augen, im tiefsten Grunde, rührte sich die Seele; er wusste nicht, was so ihn anschaute.
„Sprich nur!“ sagte sie endlich.
Er ergriff einen Zweig, der ihr zu Häupten hing, und brach ein Blatt herab. „Es ist für diese Erde“, sagte er, „für dich, für diesen Wald - damit hier nichts Fremdes wandle, kein Laut dir hier begegne, den du nicht verstehst, damit es hier so bleibe, wie es ist, wie es sein muss, wenn wir leben sollen, unverfälschte, süße, wunderbare Luft der Heimat!“
Sie strich mit der Hand über ihre Haare, als wenn ein Schauer sie berühre. „Geh!“ sagte sie leise. „Gute Nacht!“
„Gute Nacht; - wo find' ich dich denn wieder?“
Sie legte die Hände um seinen Nacken und sagte: „Ich bleibe hier zu Haus!“
Er küsste sie. „Gute Nacht, Regine!“
Sie löste ihre Hände von seinem Halse. Dann schritt er in die Mondnacht hinaus; und als er nach einer Weile am Ende der Wiese zurückblickte, da war es ihm, als stehe die schöne kindliche Gestalt noch immer an der Stelle, wo er von ihr gegangen, unbeweglich im schwärzesten Tore des Waldes.

Ich hatte das Buch zusammengelegt und sah durch die Hüttenreihen in den grauen Tag hinaus. Gabriel trat zu mir und lehnte die blankgeputzte Büchse an meine Schulter. Sie blitzte mich an. Ich aber, des Gelesenen gedenkend, fragte
ihn: „Und was bedeutet nun das welke Blatt?“
„Noch einmal!“ rief er. „Es ist grün, so grün wie Juniblätter!“
„Und du bist niemals wieder dort gewesen?“
„Pagina hundertunddreizehn!“ sagte er lächelnd.
Ich schlug noch einmal nach. Schon wieder Verse!

Pagina 113

Und webte auch auf jenen Matten
noch jene Mondesmärchenpracht,
und ständ‘ sie noch im Blätterschatten
inmitten jener Sommernacht,
und fänd‘ ich selber wie im Traume
den Weg zurück durch Moor und Feld -
sie schritte doch vom Waldessaume
niemals hinunter in die Welt.

„Und wenn sie doch hinunterschritte?“  sagte ich.
„Dann wollen wir die Büchse laden! Der Wald und seine Schöne sind in Feindeshänden.“


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