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Ein grünes Blatt 2 E-Mail
 


Theodor Storm

Ein grünes Blatt

 

Seite 2 

storm theodor


„Wir müssen nach dem Immenhof“, sagte das Mädchen. Gabriel lehnte seine Büchse in eine Ecke des Zimmers; dann gingen sie in den Garten, der unmittelbar unter den Fenstern lag. - Aus der Haustür waren sie unter das Laubdach eines mächtigen Kirschbaumes getreten, der seine Zweige über das Haus breitete; ein gerader Steig zwischen schmalen Gemüsebeeten führte sie durch den Garten und aus diesem heraus auf eine kleine Wiese, von welcher ein viereckiges Plätzchen durch dichte Buchenhecken abgezäunt war. Die kleine Pforte, welche den Eingang zu demselben verschloss, war niedrig genug, dass Gabriel über sie hinweg das Innere übersehen konnte. Als sie herangetreten waren, gewahrte er gegenüber an der Laubwand, schon in halbem Schatten ein hölzernes Bienenhäuschen, worauf die Strohkörbe neben und in doppelter Reihe übereinanderstanden. Seitwärts auf einem Bänkchen saß ein Greis in der Bauerntracht dieser Gegend; die Sonne schien auf seine gänzlich weißen Haare. Eine Drahtmaske, ein leerer Korb und anderes Gerät lagen neben ihm auf der Erde; in der Hand hielt er einen Melissenstengel, den er aufmerksam zu betrachten schien. Im schärferen Hinsehen bemerkte Gabriel, wie das Kraut von einzelnen Bienen umschwärmt wurde, während andere von den Blättern auf die Hände des alten Mannes hinüberkrochen.
„Ist das dein Großvater?“  fragte er das Mädchen.
„Es ist eigentlich mein Urgroßvater“, sagte sie; „er ist schon undenkbar alt.“
Sie zog das Pförtchen zurück.
„Bist du es, Regine?“ fragte der Greis.
„Ja, Großvater.“
„Die Königin hat gestern abend umsonst gesungen“, sagte er. „Nun muss ich morgen wieder auf den Posten.“ Indem wandte er den Kopf und sah nach den Ankommenden hinüber.
„Treten Sie nur herein, junger Herr“, sagte er. „Mit dem Schwärmen hat es heut ein Ende.“
Sie traten hierauf in den inneren Raum. Regine nahm den leeren Korb und die übrigen Geräte, deren es nun für heute nicht mehr bedurfte, und ging damit ins Haus zurück. Der Alte strich behutsam die Bienen von seiner Hand. „Sie haben Menschenverstand“, sagte er, „man soll nur die Geduld haben.“ Dann legte er das Kraut vor dem nächsten Stock ins Gras und reichte Gabriel die Hand.
Dieser musste sich neben ihm auf die Bank setzen, und der Greis erzählte ihm von seinen Bienen, wie er sie schon als Knabe gehegt, wie er später, nun schon vor über siebzig Jahren, diesen Zaun gepflanzt habe und wie sie darauf ihm so reichen Gottessegen zugetragen, dass er seinen Hausstand damit habe einrichten können; und weiter dann von seinen Kindern, von Enkeln und Enkelkindern, und die Bienen gehörten allenthalben mit dazu. - Die Worte des alten Mannes hörten sich wie ein rieselndes Wasser an; ein Stillleben nach dem andern entfaltete sich aus diesen milden Reden; Gabriel hatte den Kopf in die Hand gestützt und blickte nach den Bienen, die nur noch einzeln über die grünen Wände herüberkamen. Mitunter auch hörte er jenseits des Gartens im Hause die Türen gehen, mitunter schlüpfte eine Grasmücke durch die Blätter und sah ihn mit neugierigen Augen an. So dauerte es eine Weile. Regine war wieder von außen herangetreten, sie lehnte mit dem Ellbogen über die Pforte und hörte schweigend zu; wie aus einem Rahmen schaute das frische Mädchenantlitz zwischen den Blättern hervor.
Das Gewimmel in den Lüften hatte sich allgemach beruhigt, der grüne Raum war nun fast ganz verschattet. Gabriel schaute nach dem Mädchen hinüber; der Alte erzählte langsam weiter. Manches Mal freilich schien er die Zeiten zu verwechseln, die Söhne mit den Enkeln, die Enkel mit den Enkelkindern. Dann sagte das Mädchen wohl: „Ihr irrt Euch, Großvater; es war mein Ohm; es war meine Mutter, von der Ihr sprecht.“ Der Alte aber sagte dann streng: „Ich kenne sie alle; ich bin nicht so vergessen.“
Endlich, als es kühler zu werden begann, stand er auf. „Wir wollen ins Haus gehen“, sagte er, „es wird Abend; die Tiere sind auch schon zu Quartier.“ Dann, nachdem sie miteinander hinausgegangen waren, schob er sorgfältig den Riegel vor die kleine Pforte.
Als sie ins Zimmer traten, spielte nur noch oben an den Balken ein schwaches Sonnenschillern; die Levkojen auf dem Fensterbrett verbreiteten schon den stärkern Duft des Abends. Ein Tisch, mit grobem Leintuch bedeckt, war zwischen die beiden Fenster gerückt; die glatten Schnitten Schwarzbrotes, die gelbe Butter, die Gläser mit frischer Milch nahmen sich sauber darauf aus. Der Alte setzte sich in den Lehnstuhl an das eine Fenster, und Gabriel musste ihm gegenüber an dem andern Platz nehmen, während Regine, die kleine Wirtschaft besorgend, aus und ein ging.
Dann aßen sie von den einfachen Speisen, und Gabriel sah von Zeit zu Zeit durch die kleinen Scheiben in den Garten hinaus. Der Alte hatte seine Brille aufgesetzt; er nahm mit der Messerspitze ein kleines Nachtgeziefer aus seiner Milch und legte es sorgfältig auf den Tisch. „Es wird noch wieder fliegen“, sagte er, „man muss der Kreatur in ihren Nöten beistehen.“ Schon mehrmals hatte es Gabriel vor dem Fenster in dem alten Kirschbaum krachen hören. Als er nun hinausblickte, sah er noch eben zwei flinke Füßchen zwischen den Zweigen verschwinden, und gleich darauf flogen einzelne Vögel krächzend über den Garten hin. Aus der Ferne, es mochte im Walde sein, tönten die einförmigen Schläge der Holzaxt.
„Es ist wohl weit bis zu den nächsten Dörfern?“ sagte er.
„Wohl fast eine Stunde“, erwiderte der Alte, „das Haus steht recht in Gottes Hand! - Seit die Schulmeisterin wieder gefreit hat ist nun das Mädchen bei mir.“ – Er wies mit der Hand nach einem Brettchen über der Tür, auf welchem Gabriel neben anderen Kleinigkeiten eine Anzahl wohlerhaltener Bücher gewahrte. „Die hat sie alle noch vom Vater“, sagte der Alte, „aber sie ist nicht für das Lesen; sie hat keine Ruhe im Hause. Nur wenn am Sonnabend der Bettelfritz mit seinen Hexengeschichten herüberkommt - das hat kein Ende, wenn die beiden hinterm Ofen beisammensitzen.“
Indem trat das Mädchen in die Stube und schüttete einen Haufen roter Glaskirschen aus ihrer Schürze auf den Tisch. „Die Drosseln sind wieder vom Walde herüber gewesen!“ sagte sie.
„Du musst die Diebe einsperren“, erwiderte Gabriel, der einen leeren Käfig am Fensterkreuz gewahrte. Das Mädchen winkte ihm heimlich mit den Augen; der Alte aber drohte mit dem Messer nach ihr hin. „Das ist ein Schelm“, sagte er, „sie lässt sie immer wieder fliegen.“ - Gabriel sah sie an. Sie lachte; das Blut war ihr in die Wangen gestiegen. Als er aber die Augen nicht wieder von ihr wandte, nahm sie den einen ihrer blonden Zöpfe zwischen die Zähne und lief zur Stube hinaus. Gabriel hörte, wie sie draußen die Haustür hinter sich zuschlug.
„Sie ist eben wie ihr Vater selig“, sagte der alte Mann und lehnte sich in den Stuhl zurück.
Es war schon abendlich geworden, vom Garten dunkelten die Bäume stark herein. Gabriel erzählte nun, wie er schon morgen mit dem frühesten in der Stadt sein müsse, und fragte nach den Steigen und Richtwegen, die er etwa einzuschlagen habe.
„Der Mond wird bald aufgehen“, sagte der Alte, „bei Nachtzeit ist jetzt das beste Wandern.“
Sie sprachen noch eine Weile fort. Als es aber dunkler wurde, verstummte der Alte allgemach und sah mit gespannten Augen durch die trüben Scheiben in den Garten hinaus. Und wie Gabriel die friedliche Gestalt des Greises so sich gegenüber sah - aus der tiefen Dämmerung, die nach und nach die Kammer erfüllt hatte, noch kaum hervorsehend - da schwieg auch er. So wurde es immer stiller; die alte Wanduhr hatte allein das Wort behalten.
Endlich, da Regine noch immer nicht zurückkehrte und schon die Mondhelle von jenseit des Gartens heraufkam, stand er auf, um von dem Mädchen Abschied zu nehmen. Er ging den Garten; aber er sah dort nichts von ihr. Da hörte er es zwischen den Erbsenbeeten rauschen; und hier fand er sie, ein Körbchen neben sich, das schon zur Hälfte mit den gepflückten Schoten angefüllt war.
„Es ist spät, Regine“, sagte er, indem er zwischen die Ranken zu ihr hineintrat, „ich werde gehen müssen; ich möchte mit Sonnenaufgang in der Stadt sein.“
Regine pflückte weiter, ohne aufzusehen. „Es ist nicht gar so weit“, sagte sie und bückte sich und langte zwischen den Stangen durch nach den tiefst hängenden Schoten.
„Kommst du denn auch nach drüben?“  fragte Gabriel.
„Ich? - Ich nicht; ich komme nicht so weit. Nur einmal war ich fort; mein Vater hatte eine Schwester im Norden, wir fuhren fast den ganzen Tag. Aber mir gefiel's nicht dort; ich verstand die Ausrede der Leute nicht, und wenn ich mit ihnen sprach, fragten sie mich allezeit, wo ich zu Hause sei.“
„Aber du hast es einsam hier; so alle Tage mit dem alten Mann!“
Sie nickte. „Im Dorfe drunten ist's lustiger! Sie haben dem Alten auch öfter zugeredet, der Vogt und meine Mutter; aber er zieht nicht fort von hier; er sagt, er könne die Luft nicht vertragen zwischen den Häusern in der Dorfstraße.“
Gabriel hatte sich zu ihr gesetzt und half ihr pflücken. Regine schüttelte mitunter das Körbchen, das schon den Vorrat nicht mehr fassen wollte. Die Dämmerung nahm immer zu; sie suchten mit den Händen nach den Schoten, die sie kaum noch sehen konnten und die endlich immer wieder über den Rand des vollgehäuften Korbes hinabglitten. Aber sie ließen nicht ab; sie pflückten langsam weiter, als sei es ihnen damit angetan. - Da hörte Gabriel einen Ton, dumpf, als käme er aus der Erde; und der Boden unter ihm schütterte kaum merklich. - Er neigte das Ohr gegen die Erde und horchte. Da war es wieder; und bald noch einmal. Was geschah drüben, dass jetzt zur Nachtzeit die Kanonen gingen? - Regine schien nichts davon gehört zu haben; denn sie hob den Kopf ein wenig und sagte: „Es schlägt zehn Uhr im Dorf.“ Gabriel sprang auf; eine sehnsüchtige Ungeduld befiel ihn, es litt ihn nicht länger in der ahnungslosen Stille dieses Ortes.

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