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DER BAUER, DER BÄR UND DER FUCHS Drucken E-Mail
Märchen aus Estland


DER BAUER, DER BÄR UND DER FUCHS

   
 

Ein Bauer pflügte am Waldesrand. Ein alter Honigschlecker, ein Bär, kam zu Ihm, begrüßte ihn, wünschte ihm Kraft zur Arbeit und fragte: „Was säst du auf diesem Feld zum Sommer an?“ Der Mann antwortete: „Jetzt habe ich hier noch nichts ausgesät, aber wenn es soweit ist, werde ich Hafer anbauen!“ Der Bär sagte voll Freude und leckte sich dabei die Lippen: „Na, wenn du Hafer anbaust, dann gehören im Herbst die Blätter mir und
die Wurzeln dir!“

Als die Zeit zum Säen kam, baute der Mann auf dem Feld Rüben an. Im Herbst stampfte der Bär missmutig um das Feld herum, denn die Blätter der Rüben schmeckten ihm überhaupt nicht.

Im nächsten Frühjahr pflügte der Mann wieder das Feld am Waldrand. Der alte Bär kam erneut zu ihm. Diesmal begrüßte er ihn nicht und fragte auch nicht erst, was der Mann auf dem Frühjahrsfeld dieses Jahr anbauen wollte. Er sagte mürrisch: „In diesem Herbst bekomme ich die Wurzeln und du die Blätter!“ Der Mann versprach es.

Als die Zeit der Aussaat kam, baute der Mann auf dem Feld Hafer an. Im Herbst kam der Bär an den Feldrand. Als er das reife Haferfeld vor sich sah, bekam er das Schlucken, wegen der reifen Haferblätter. Er hätte sie mit dem Maul und mit den Augen verschluckt,
durfte aber die Abmachung nicht brechen. In alten Zeiten war eine mündliche Abmachung ohne Zeugen auch zwischen Tieren und Menschen, wenn sie es taten, genau so fest wie heutzutage die auf dem Stempelbogen geschriebenen Verträge. Wenn der Bär jetzt das Haferfeld zerstört hätte, würde der Mann bestimmt seinen Zottelpelz zum Markte tragen. Nun hatte der Bär eine Wut auf den Mann und wartete nur auf eine passende Gelegenheit, um ihm die ganze Betrügerei doppelt zu vergelten.

Es kam der Winter mit Schnee und Kälte, der Mann spannte seinen schwarzen Ochsen vor den Schlitten und fuhr in den Wald nach Holz. Er dachte nicht mehr an das frühere Zusammentreffen mit dem Bären und an ihre Abmachungen. Als der Mann mit dem Ochsen in den Wald kam, trat ihm der Bär entgegen und sagte: „Zweimal hast du mich furchtbar betrogen. Jetzt musst du mir den schwarzen Ochsen geben, sonst kommst du lebendig nicht von der Stelle.“ Der Mann begann mit weinerlicher Stimme den Bären zu bitten: „Gutes schwarzes Waldväterchen, meine Frau und meine Kinder sterben vor Kälte! Lass mich noch heute mit dem Ochsen eine Fuhre Holz heimbringen. Morgen früh werde ich zur gleichen Zeit mit dem Ochsen hier sein, dann werde ich ihn dir gern geben.“ Der Bär versprach, bis morgen zu warten.

Als der Mann mit der Holzfuhre heimwärts ging, kam ihm auf dem Wege der Fuchs entgegen und fragte: „Was wollte dieser alte zottlige Bär von dir, als du ihn so kläglich um etwas batest?“ Der Mann berichtete die ganze Geschichte dem Fuchs, und wie die Dinge zwischen ihm und dem Bären stünden. Der Fuchs sagte zu dem Mann: „Wenn du mir einen Sack voll Küken bringst, dann rette ich dich aus den Klauen des Bären.“ Der Mann versprach gern, was der Fuchs verlangte. Nun unterwies der Fuchs den Mann: „Wenn du morgen in den Wald kommst, dann bringe ein Bündel Späne mit. Wir werden sie mir um den Körper binden. Wenn du mit dem Bären zusammenkommst, komme ich zum Vorschein. Und wenn du mich siehst, sage, dass ich der staatliche Waldhüter sei, der die Waldtiere sucht.“

Am nächsten Morgen brachte der Mann Späne mit, und am Waldrand, wohin der Fuchs ihm entgegengekommen war, wurden sie um seinen Körper gebunden. Der Mann ging mit dem Ochsen an die ausgemachte Stelle, der Fuchs schlich durch den Wald hinterher. Der Bär wartete schon lange auf den Mann mit dem Ochsen. Als dieser hinkam, wollte der Bär augenblicklich über den Ochsen herfallen; doch der Fuchs kam sogleich zum Vorschein und raschelte kräftig mit den Spänen. Der Bär hielt erschrocken ein und fragte den Mann: „Wer schleicht dort so laut umher?“ Der Mann antwortete: „Das ist der staatliche Waldhüter. Er möchte ein Waldtier fangen!“ Der Bär wagte nicht mehr wegzulaufen, sondern warf sich an Ort und Stelle unter einen Baum auf den Rücken, die Beine erhoben. Er sagte zu dem Mann: „jetzt wird der Waldhüter glauben, ich sei ein abgebrannter Baumstumpf.“

Der Fuchs kam zu dem Mann und fragte: „Hast du irgendwo Waldtiere gesehen?“ Der Mann sagte: „Ich habe keine gesehen.“ Der Fuchs zeigte auf den Bären und sagte: „Ich glaube, dort ist ein alter abgebrannter Baumstumpf. Säge ihm die Zweige ab, mach ein Feuer zum Erwärmen. Ich friere.“ Der Mann klopfte dem Bären mit dem Beilrücken auf die Knie; der Bär ließ die Beine bis auf den Bauch hängen, damit der Waldhüter glaubte, dass die Äste vom Baumstamm abgeschlagen seien. Der Fuchs aber sagte zu dem Manne: „Schlage jetzt dein Beil in den Baumstumpf, damit wir sehen, ob der Baumstumpf noch fest oder schon verfault ist.“ Als der Bär das hörte, öffnete er sein Maul, damit ihm der Mann das Beil schön ins Maul legte. Der Fuchs aber zwinkerte dem Manne mit den Augen zu. Der Mann verstand und schlug das scharfe Beil dem Bären in den Bauch, so dass er verendete.

Jetzt sagte der Fuchs zum Manne: „Du siehst nun, dass du durch meine kluge Anleitung deinen ärgsten Feind besiegt hast; denk daran, dass du dein Versprechen einlöst und mir morgen früh hierher einen Sack voll Küken bringst. Ihr Fleisch ist sehr schmackhaft.“ Der Mann versprach es.

Auf dem Weg nach Hause dachte er: Woher soll ich jetzt im Winter für den Fuchs junge Hühner auftreiben? Doch plötzlich kam ihm ein rettender Gedanke, und danach handelte der Mann. Er hatte zu Hause zwei gute Hunde. Die steckte er am Morgen in einen Sack und ging in den Wald, den Sack mit den Hunden im Arm haltend. Als der Fuchs den Mann mit seinem Sack kommen sah, leckte er die Lippen, schlug mit dem Schwanz gegen den Boden und war sehr froh. Als aber der Mann mit dem Sack herankam, blieb der Fuchs etwas ängstlich stehen und fragte den Mann: „Was hast du in deinem Sack so Großes drin? Es sind wohl Hunde?“ Der Mann sagte: „Nein, es sind große Küken, kleine sind im Winter nicht zu bekommen.“ Der Fuchs wollte dem Mann anfangs nicht glauben, und sie stritten eine Weile. Der Fuchs behauptete immerzu, dass im Sack Hunde seien, der Mann wiederum, es seien Küken im Sack. Schließlich sagte der Fuchs zu dem Mann: „Lass doch deine Küken aus dem Sack heraus, damit ich an ihnen meine scharfen Zähne ausprobieren kann!“ Der Mann ließ sie heraus. Aber wie die Hundeköpfe aus dem Sack zum Vorschein kamen, lief der Fuchs davon, dass der Schnee nur so hochstiebte; die Hunde jagten hinterher. Bald fand der Fuchs in einem hohlen Baum Schutz; die Hunde waren noch weit. Dort wähnte sich der Fuchs sicher, und er begann laut mit sich selbst ein Gespräch zu führen.
Er fragte: „Augen, was habt ihr getan, als mir die Hunde nachjagten?“ Die Augen sagten: „Wir schauten uns um, wo wir Schutz finden.“ Dann fragte er: „Vorderpfoten, was habt ihr getan?“ Sie sagten: „Wir liefen den Hunden davon.“ Dann fragte er wieder: „Hinterbeine, was habt ihr denn getan?“ Die sagten: „Wir liefen den Vorderbeinen nach.“ Dann fragte er: „Und du, Schwanz, was hast du getan?“ Der Schwanz antwortete: „Ich sprang von einem Baum auf den anderen.“ Der Fuchs streckte den Schwanz aus dem hohlen Baum hinaus und sagte : „Wenn du in der Not Zeit hattest, von einem Baum auf den anderen zu springen, so sollen dich jetzt zur Strafe die Hunde auffressen.“

Gerade, als der Fuchs den Schwanz zur Baumöffnung hinausstreckte, waren die Hunde zur Stelle; sie packten mit ihren Zähnen den Schwanz, zogen daran den Fuchs aus dem Bau heraus und zerfleischten ihn. Jetzt war der Mann seine beiden Feinde auf einmal losgeworden und konnte ruhig leben.

 

 
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