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Bist du ein Mann Drucken E-Mail
Fabeln und Tiermärchen


Bist du ein Mann?

   
 

Einem Wolf wurde befohlen, den zu fressen, der ihm auf dem Wege entgegenkommt und ein Mann ist.
Der Wolf ging den Weg entlang, und ein kleiner Junge kam ihm entgegen. Er fragte den Jungen: „Bist du ein Mann?“ „Ich bin keiner“, antwortete der Junge, „ich bin nur der Anfang
eines Mannes.“ Der Wolf ging weiter. Nach einiger Zeit begegnete ihm ein altes Männlein, das an einem Stock ging. „Bist du ein Mann?“ fragte der Wolf den Alten. „Nein, ich bin keiner. Ich bin nur das Ende eines Mannes“, antwortete der Alte.

Dann kam ihm ein dritter entgegen, das war ein kräftiger Mann. Auch ihn fragte der Wolf: „Bist du ein Mann?“ „Ja, ich bin ein Mann“, antwortete der. „Mir wurde befohlen, dich zu fressen“, sagte jetzt der Wolf. „Du kannst mich nicht eher fressen, als bis ich aus dem Walde einen Messstab geholt und nachgeprüft habe, ob ich auch in deinen Bauch hineinpasse.“ Der Wolf war damit zufrieden. Der Mann ging in den Wald, holte von dort einen guten festen Knüppel und wollte damit den Bauch des Wolfes messen. Zuerst trat er vor die Nase des Wolfes, begann seine Schnauze zu streicheln und sagte: „Oh, das schöne Schnäuzchen, das mich fressen wird!“ Dieses Lob schmeckte dem Wolf, er machte ein freundliches Gesicht und sagte „Jamm!“ Dann schaute der Mann ihm in die Augen, streichelte sie und sagte: „Oh, diese hübschen Äuglein, die auf mich schauen, wenn ich gefressen werde!“ Auch das gefiel dem Wolf, und er rief „Jamm!“ Jetzt ging der Mann zum Bauch des Wolfes, streichelte ihn und sagte: „Oh, dieses hübsche Bäuchlein, wo ich drin sein werde!“ Der Wolf wurde ganz froh und rief wieder „Jamm!“ Schließlich trat der Mann an das Hinterteil des Wolfes und sagte auch hier: „Oh, das hübsche Hinterteilehen, das mich wieder herauslassen wird!“ Der Wolf entgegnete wieder „Jamm!“ Jetzt packte der Mann den Wolf fest am Schwanz und begann ihn mit dem Knüppel zu messen, das heißt zu prügeln, und rief selbst dabei immer „Jamm, jamm, jamm!“ Der Wolf aber schrie fortwährend „Au – wau - wau! Au – wau – wau!“ So knüppelte der Mann den alten Isegrim, bis ihm das Fell von beiden Seiten heruntergeklopft war und andere Wölfe ihm auf sein jämmerliches Geheul zu Hilfe kamen. Da hörte der Mann mit dem Fellgerben auf und kletterte auf eine Fichte, denn sonst hätte er dem Wolf seine eigene Haut an Stelle des Felles geben müssen.

Als der kranke Bruder den anderen seine Not geklagt hatte, schauten sie zur Fichte hinauf, aber sie konnten den Mann auf keine Weise erreichen. „Eine große und hohe Fichte, man kommt auf keine Art heran“, sagten sie zueinander. Schließlich versuchten sie einen Weg zu finden und kletterten aufeinander, um so dem Manne näher zu kommen. Der nacktgedroschene Wolf war mit einigen anderen ganz unten, und die übrigen kletterten auf deren Nacken. Und immer so weiter, als wäre es verabredet. Als der Mann auch den nackten Wolf unter den anderen bemerkte, rief er von der Fichte herab: „He – he, du Nackter, du bist ja auch noch hier?“ Als der Nackte das hörte, erinnerte er sich an das Gerben seines Felles, machte sich aus dem Staube und suchte sich mit heiler Haut - so heil wie sie noch war - zu retten. Die anderen Wölfe liefen hinterher, und der Mann war vor ihnen gerettet, kam von der Fichte herunter und gab den Füßen zu wissen, wo der Weg nach Hause führt.



 
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